Liebe Leserinnen und Leser,

diese Ausgabe von „Barge Sabz“ widmet sich fast ausschließlich dem Thema Gewalt und Religion.

Leider beschäftigt dieses Thema seit 5 Jahren uns alle fast täglich.

Wir wollen nicht Angst und Unsicherheit schüren, aber der Autor hat als ein Muslim den Eindruck, daß dieses Thema uns noch lange beschäftigen wird, wenn die wirklichen Wurzeln nicht ausgetrocknet werden. Die wirkliche Ursache der islamischmotivierten Gewalt ist nicht der Glaube an einen radikalen Islam, sondern ungelöste reale politisch-ökonomische Probleme. Der Glaube dient als Legitimation und Motivation, und wenn passende Verse im Koran nicht gegeben hätte, hätte man sie erfunden.

Das Neue Testament ruft an keiner Stelle zur Gewalt auf, dennoch geschahen im Namen des Christentums Kreuzzüge, Judenmord und 30 Jahre Krieg unter den Christen selbst.

Mit dem Beitrag „Gewalt und Religionen“ (Seite 7 und 8) will der Verfasser einen Schritt in Richtung Dialog und Verständigung unternehmen und Vorurteile abbauen, ohne Religionen gegeneinander ausspielen zu wollen.

Juden und Christen mögen unbeabsichtigte Fehlinterpretationen ihrer Religion durch  einen unqualifizierten Muslim mit Nachsicht begegnen.

Bibel und Gewalt

Zu meiner Studienzeit galt es unter Intellektuellen   nach der Maxime „Basis bestimmt den Überbau“  als „reaktionär“ und „kleinbürgerlich“, wenn man „Ideen“ und „Religionen“ als „Ursache“ für gesellschaftlich-ökonomische und politische Veränderungen ansah. Extreme Positionen sind beliebt und einfach: heute werden umgekehrt  „Gottesbilder“ als eine der wichtigsten Ursachen des politischen Handelns  angesehen. Die schief gelaufene Terrorismus-Debatte über „islamischen Terrorismus“ ist ein aktuelles Beispiel. Es wird kaum darüber debattiert, welche weltpolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre die islamisch motivierte Gewalt gefördert haben. Es ist eben bequemer den Islamismus als Sündenbock anzuprangern, statt mit der unangenehmen Wahrheit über die zum Himmel schreiende globale Ungerechtigkeit beschäftigt zu werden.

Daß Haß und Gewalt aus dem Wesen des Islam hervorgehe, beherrscht leider nicht nur die Stammtische, sondern  auch von Kirchenführern geäußert. Kardinal Lehmann, der in einem SPIEGEL Interview an einer Stelle sagt: „Religionen sind nicht per se gewalttätig“, sagt  einige Zeilen tiefer über das Verhältnis zwischen Islam und Gewalt: „ Für mich ist eine entscheidende Frage, die an die Wurzel des Islam geht: Wie weit ist dessen Gottesbild mit Kategorien der Gewalt verbunden? Mohammed ist ein Krieger und ein Sieger. Das christliche Kreuz ist im Islam ein Zeichen des Verlierers: Mit einem Gott, der leidet und gar stirbt, können die Muslime nichts anfangen." Mit solchen doppeldeutigen Sätzen läßt sich kein gleichberechtigter Dialog der Religionen führen.

Das gemeinsame Menschenbild

In Wirklichkeit haben alle drei abrahamitischen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam)  ihren Büchern nach ein gemeinsames Gottesbild, das aus der Schöpfungsgeschichte hervorgeht:

Gott schuf den Menschen als sein Abbild und gab ihm das Paradies als Heimat, die größte Verehrung unter allen Geschöpfen.

Der Mensch wurde aber abtrünnig und aus Paradies vertreiben. Dies ist die Geburtsstunde der Freiheit und Erkenntnis zwischen dem „Bösen“ und „Guten“

Was danach geschieht, ist die ständige Arbeit Gottes durch Strafe und Belohnung, sein Geschöpf ins Paradies zurückbringen, ohne ihm den freien Willen zu nehmen.

Strafe und Belohnung sind feste Bestandteile aller dieser drei Gesetzesreligionen. Wie aber die Strafe und Belohnung durchgeführt und gestaltet werden, war immer abhängig vom jeweiligen Stand der menschlichen Entwicklung, und dies wird auch in Zukunft so blieben.

Fest steht aber das Grundprinzip, daß  Strafe und Gewalt in diesen drei Religionen keinen Selbstzweck bilden, sondern das Instrument eines gerechten Gottes sind, der wie ein besorgter Vater das verlorengegangene Kind zum richtigen Wege führen will. Am Ende finden die „Guten“ den Weg zurück ins Paradies und die Unbelehrbaren landen ins Höllenfeuer! Davon machen alle drei Religionen keinen Abstrich. 

Wie aber die Bestrafung (durch Gott selbst, oder durch Menschen in seinem Auftrag) aussieht, ist in der Religionsgeschichte einem Wandel unterworfen, der eng mit der allgemeinen Menschheitsgeschichte zusammenhängt. Religiöse Strafen und damit göttlich legitimierte Gewaltanwendung gegen die „Bösen“ erfolgten durch Menschen und Institutionen, die sich als Statthalter Gottes verstanden.

Abrahamitische Religionen glauben an Offenbarung.  Was ist aber der feste Bestandteil der Offenbarung, und was ist veränderbar? Diese ist eine der schwierigsten Fragen der Theologie. Ich sehe die Religion als eine private individuelle Sache und darf  die Frage auch ohne Erlaubnis der Theologie beantworten: Der Kern der Offenbarung ist der GLAUBE an das HEILIGE in der Welt. In diesem „heilige“ stecken Transzendenz, Hoffung, Geborgenheit, und ein unbeschreibbarer Glaube daran, von einem höheren Wesen beschützt zu werden. Wichtig dabei ist, daß es sich hierbei um Glauben handelt und aus dem Herzen kommt. Wissenschaftliche Beweisführungen für die Existenz des „Heiligen“ schlugen alle fehl. Ich weiß nicht von wem dieser Satz stammt: „Gott ist die Personifizierung des Unvollstellaren.“ Wer sich einen Gott „vorstellt“, hat diesen Gott selbst nach seinem Abbild geschaffen. Dieser  „Kern der Offenbarung“ (Glaube an das Heilige) wurde als Offenbarung herabgesandt und landete in die Hände von Menschen, Propheten, Theologen, Politiker, Krieger und Friedensstifter. Jeder von ihnen formte und gestaltete nach gegebenen Notwendigkeiten die Masse zu einer Figur und einem Gottesbild.

Die Heiligen Schriften geben dieses Bild am deutlichsten wieder:

Judentum und Gewalt

Mit Sicherheit enthält keine andere Religion so viele Gebote und Verbote und folglich auch Sanktionen und Strafen, wie das Judentum. Viele diese Strafen sind aus heutiger Sicht unangemessen und unverständlich. Noch auffälliger  ist das Prinzip der Kollektivschuld im Alten Testament. Jahwe macht mit seiner Strafandrohung zwischen Schuldigen und Unschuldigen, Menschen und Tieren keine Ausnahme macht. Er hat sehr menschliche Züge (Zorn, Reche, Reue) und kann auch traurig sein. Jahwe kann niemals verzeihen, wenn Menschen einen anderen Gott anbeten. Wenn die Bürger einer Stadt dazu verführt werden sollten,  erhält Moses die Anweisung: „Dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen, du sollst an der Stadt und all dem, was darin lebt, auch am Vieh, mit scharfem Schwert die Vernichtungsweihe vollstrecken… Für immer soll sie ein Schutthügel bleiben und nie wieder aufgebaut werden.“ (Dtn: 13, 16-17).

An anderer Stelle greift der Zorn des Herrn die ganze Menschheit:

„Der Herr sah, daß auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm... Der Herr sagte: Ich will den Menschen  vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben." (Ex: 6, 5-7)

Die „Kollektivbestrafung“ von schuldigen und unbeteiligten Geschöpfen findet sich häufig an verschiedenen Stellen des Alten Testaments. Moses kämpfte hart gegen alle Medianiter mit seiner Armee: „Sie zogen gegen Midian zu Feld ... und brachten alle männlichen Personen um .“ (Num: 31,7). Als Moses erfährt, daß die Befehlshaber nicht alle getötet haben, geriet er in Zorn: „… Warum habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? gerade sie ...haben die Israeliten dazu verführt, vom Herrn abzufallen…  Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die einen Mann schon erkannt und mit einem Mann geschlafen haben.“ (Num: 31,15-17).

Nach dem damals geltenden Prinzip der Sippenhaft werden nachkommende Generationen für die Missetat der Väter verantwortlich gemacht: Jahwe „verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“  (Ex: 34, 7) Dieses „Gerechtigkeitsprinzip“ ist nach dem damaligen Verständnis möglich, obwohl Jahwe „ein barmherziger und gnädiger Gott“ ist (Ex, 34, 6).

Die Bücher von Moses kennen kaum ein Jüngstes Gericht. Strafen und Belohnungen finden sofort und in dieser Welt statt. Eine Frist wird nicht gewährt.  Dies ist eine positive Entwicklung, die im Christentum und Islam ausgereift wird. In diesen Religionen werden die Strafe von vielen Sünden zu „Gottessache“ gemacht und bis zum Jüngsten Gericht vertragt. 

Christentum: wie sich Gnade in Gewalt verwandelt

Jesus bietet in seiner Person und Lehre das direkte Gegenbild des zornigen alttestamentarischen Gottes. Es gibt kaum eine Seite im Neuen Testament, in dem nicht von Gnade, Vergebung und Liebe zu Mitmenschen gesprochen wird. Nicht nur seine Lehre, sondern auch seine Person bildet unter allen  monotheistischen Religionsstifter eine einzigartige Ausnahme. Seine Geburt, seine Wundertaten, seine Kreuzigung und Wiederauferstehung  bleiben für immer einmalig und außergewöhnlich.

Jesus versteht sich als Messias, Heiler, Mahner und Retter ohne Anspruch auf irdischen Erfolg. Er richtet sich gegen die Heuchelei der „Gesetzestreuen“, die heimlich Wein trinken und öffentlich das Wasser predigen.

Seine Sätze in seinem „Prozeß“ vor Pilatus besagten alles über seine Personen und sein Ziel: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.“ (Joh: 18,36) Diese Sätze besagen alles über den Unterschied von Jesus zu Moses und Mohammad.

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