|
Am 13. März 628 beschloß Mohammad nach einem Traum zum ersten Mal nach 6 Jahren von Medina nach Mekka zu pilgern. Die Mekkanischen Götzendiener behinderten in Hodeibieh حدیبیه die Muslimen an der Weiterfahrt. Es kam zu zähen Verhandlungen mit dem Ergebnis, die Muslime dürfen ein Jahr später nach Mekka pilgern; und es wird ein zehnjähriger Frieden beschlossen. Im März 629 fand vertragsgemäß die Pilgerfahrt statt. Muslime sollten nur mit leichten Waffen reisen, drei Tage in Mekka weilen und sich die Gegner sich in die Umgebung der Heiligen Moschee zurückziehen. Agenten brachten aber vor der Pilgerfahrt die Nachricht, die „Ungläubigen von Mekka“ hätten geplant, die Muslime in der Heiligen Moschee anzugreifen. Es herrschte unter Muslimen und Götzendienern der Konsens, daß Kampfhandlungen in der Heiligen Moschee verboten sind. In dieser Situation wurde dieser Vers offenbart: "Und tötet sie, wo ihr immer auf sie stößt, und vertreibt sie von dort, wo sie euch vertrieben. Bekämpft sie aber nicht bei der Heiligen Moschee, solange sie euch dort nicht angreifen. Doch wenn sie euch angreifen, dann kämpft wider sie; das ist die Vergeltung für Ungläubigen. Wenn sie jedoch Ablassen, dann ist Allah allvergebend, barmherzig." (Sure 2, 192) Muslime haben in den darauf folgenden Jahrhunderten diesen und zahlreiche ähnliche Verse nie als eine generelle Aufforderung für den Kampf gegen Nichtmuslime verstanden. Jahrzehnte lang waren islamische Länder direkte Kolonien der europäischen Christen. Muslime erduldeten Demütigung und Unterdrückung von fremden Eindringlingen, handelten aber nicht nach dem Gebot „tötet sie, wo ihr sie findet!“ Es gibt heute eine seltsame Allianz zwischen zwei Gruppen, die an einer universellen Deutung solcher Verse festhalten. Es sind: Islamische Gewalttäter auf der einen Seite und politische Mächte auf der anderen Seite, die ihr Feindbild nicht verlieren wollen. Der Westen hat kaum Interesse an einer Stärkung der vernunftorientierten und mäßigen islamischen Kräfte. Wenn fundamentalistische Muslime wegfallen, hat man keine Anlässe mehr für die Durchsetzung einer Hegemonialpolitik. Muslime sollten aber auch in dieser Hinsicht keine Entwicklungshilfe erwarten. Sie selbst müssen für die Reinigung ihres Glaubens und Reformen arbeiten.
Islam, Politik und Gewalt Heute herrscht im Westen die Meinung, daß Islam und Politik nicht voneinander zu trennen sind, und daraus zwangsweise eine geeignete Mischung für die Gewalt entsteht. Wer so urteilt, hat sich weder mit der islamischen, noch der christlichen Geschichte gründlich befaßt. Die einmalige und einzigartige Einheit zwischen Politik und Religion gab es nur unter Mohammad selbst. Kurze Zeit nach seinemTod trennten sich die weltliche von der göttlichen Macht. Islamische Kalifen und Sultane einerseits und Muftis und Religionsgelehrte andererseits lebten Jahrhunderte lang in einer friedlichen Koexitstenz nebeneinander. Sunnitische Muftis und schiitische Ayatollahs duldeten die Sultane und Schahs, wenn sie nicht offensichtlich gegen islamische Vorschriften vorgingen, und die weltlichen Herrscher hatten keinen Grund, die Gelehrten zu provozieren. Auch hatten die Gelehrten selbst kein Interesse an direkter Machtausübung. Unter den Schiiten wurde sogar dieses Desinteresse damit begründet, daß erst der verborgene Imam Mahdi nach seinem Erscheinen berechtigt ist, einen islamischen Staat auszurufen. „Der Gottesstaat“ war eine Erfindung des Christentums, und eine annährend ähnliche Allmacht der Päpste gab es nie in der islamischen Welt. Das Werk „De civitate Die“ (Über den Gottesstaat) wurde um 420 von Aurelius Augustinus geschrieben und nicht von einem islamischen Theologen. Mohammad vertraute seiner engsten „weltlichen“ Gefolgschaft sein Erbe an und bestimmte bewußt keinen „göttlichen“ Nachfolger. Die vier nach ihm folgenden „Großkalifen“ wurden nach altem arabischen Brauch von Honoratioren gewählt. Im Christentum verlief der Prozeß umgekehrt: Jesus wollte kein irdisches Reich, aber in seinem Namen wurden Gottesstaaten gebildet! Die islamischen Gelehrten fanden sich (von Ausnahmen abgesehen) Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Moderne zurecht. Im Iran wäre z.B. die Konstitutionelle Revolution (1906) und eine moderne Verfassung, die Reform des Straf– und Zivilrechtes ohne Zustimmung und Mitwirkung der Ayatollahs undenkbar. Noch heute ist das iranische Zivilgesetzbuch eine Mischung aus französischem und islamischem Recht geblieben. Parlamentarismus, Wahlen, Trennung von Gewalten und moderne Institutionen wurde ohne besonderen Widerstand der islamischen Gelehrten durchgesetzt. Dies alles konnte möglich werden, weil es eine lange Tradition der Trennung zwischen weltlicher und göttlicher Macht gegeben hatte. Die Islamisierung der Politik und Politisierung des Islam sind ein Phänomen der vergangenen 30 Jahre. Wie es zu dieser Entwicklung kam, hat mehr mit Veränderungen in der Weltpolitik zu tun, als mit einem Wandel des Islam selbst. Ursachen der Islamisierung und islamischer Gewaltbereitschaft sollen politisch-ökonomisch analysiert werden, und wer es nicht will oder kann, sieht die Gewalt als untrennbaren Bestandteil des Islam: schwarz-weiß-Denken ist immer bequemer, als die Konfrontation mit der unbequemen Wahrheit über die Resultate der schief und ungerecht gelaufenen Politik der Großmächte seit ihrer Kolonialisierungs- und Eroberungsherrschaft. Hadi Resasade
|
|
نشریه فرهنگی، ادبی و اجتماعی |

|
|
|