Islam und Gewalt

 

Die Schöpfungsgeschichte ist auch der Ausgangspunkt des Islam: Am Anfang war Friedfertigkeit und Gewaltverzicht.  Der erste  und Mord der Geschichte geschieht gegen einen friedlichen Menschen (Abel), der zu seinem böswilligen Bruder (Kain) sagt: "Wenn Du auch deine Hand gegen mich ausstreckst, um mich zu erschlagen, so werde ich nicht meine Hand gegen dich ausstrecken, um dich zu erschlagen. Ich fürchte Allah, den Herrn der Welten." (5: 29)  Und genau in diesem Zusammenhang lesen wir den berühmten Vers, der als Richtschnur für die gesamte Menschheit gelten soll: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, daß wenn einer jemanden tötet, nicht (aus Rache) für jemanden oder (zur Strafe für Unheil) auf der Erde, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte. Und wenn einer jemanden am Leben erhält, soll es so sein, ob er die Menschheit alle am Leben erhalten hätte.“ (5: 32). Ziel der Schöpfung ist das Leben und nicht der Tod. Kain wird sich seinem Verbrechen bewußt und bleibt unbestraft.

Der Koran läßt sich nicht mit dem Neuen Testament. Vielmehr sollte man den Islam als Fortsetzung der Tradition des Alten Testaments verstehen. So lassen sich auch interessante Vergleiche hinsichtlich der Frage von „Gewalt“ und „Strafe“ ziehen. Was die Frage der Anerkennung anderer Religionen angeht, so ist der Vergleich mit dem Neuen Testament auch von Bedeutung.

 

Islam ist nicht die einzig wahre Religion

Koran ist  im Vergleich zu Bibel, das einzige Buch, in dem auch andere Religionen anerkannt werden. Islam sieht sich als die vollkommenste Religion: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist“ heißt es im Koran (3: 110), dennoch werden die Muslime nicht als „auserwähltes Volk“ angesehen; dieses Privileg gilt eingeschränkt: „Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott. Wenn die Leute der Schrift (ebenfalls) glauben würden (wie ihr), wäre besser für sie.“ (ebda) Daraus ergibt sich nicht Bekehrung zum Islam, sondern die Suche nach einer Gemeinsamkeit. Und damit die Muslime es richtig begreifen und nicht hochmutig werden, heißt es drei Verse später über die nichtislamischen Schriftvölker: „Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine Gemeinschaft, die (andächtig im Gebet) steht, die zu (gewissen) Zeiten der Nacht die Verse Gottes verlesen und sich dabei niederwerfen. Sie und wetteifern  (im Streben) nach guten Dingen. Die gehören zu den Rechtschaffenen. Für das, was sie an Gutem tun, werden sie nicht Undank ernten. Und Gott weiß Bescheid über die, die ihn fürchten.“ (3: 114-116). Mit dem letzten Satz wird den Muslimen die Möglichkeit aus der Hand genommen, über andere Völker eigenhändigen zu urteilen.

An anderer Stelle werden die "Völker der Schrift“ aufgefordert, die gemeinsame Basis zu suchen:  "Sag: Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen uns und euch! (einigen wir uns darauf) daß wir Gott allein dienen und ihm nichts (als Teilhaber) an seiner Göttlichkeit beigesellen, und daß wir uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen. Wenn sie sich aber abwenden, dann sagt: „Bezeugt, daß wir (Gott) ergeben sind.“ (3: 65).

Der Koran nimmt Jesus gegen Juden, die damit prahlten, ihn getötet zu haben in Schutz. Und während für Mohammad ein normaler Tod vorausgesagt wird, spricht Koran nicht vom Tod Jesu. Vielmehr habe Gott ihn zu sich gerufen: „ ".Sie haben nicht mit Gewißheit getötet. Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben." (4: 157-158)

Eine solche Einstellung gegenüber Andersdenkenden ist keine Selbstverständlichkeiten, wenn man bedenkt, daß  die offizielle  Kirche Jahrhunderte lang  den Islam nur als eine „irregeleitete Sekte“ bezeichnete, die den Namen einer Religion nicht verdient.

 

Ein Gott für alle Menschen

Das Gottesbild des Islam ist universell. Allah ist weder Gott eines bestimmten Volkes (wie Jahwe bei Juden), noch bekommt er islamspezifische Besonderheiten (Vater, Sohn, Heiliger Geist bei Christen). Mohammad bleibt ein normaler Mensch ohne göttliche Züge.

Allah ist Schöpfer aller gläubigen und ungläubigen Menschen. Der Kampf von Göttern nimmt spätestens im Islam ein friedliches Ende.  Allah versteht sich als Gott der Israeliten, Christen und Muslimen.  Koran beginnt mit dem Vers: „Aller Preis gehört Allah, dem Herrn der Welten.“ (1,1) und endet mit der Aufforderung: "Sprich: ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen." (114,1) Gerade diese Universalität gab den Islam die Stoßkraft von fremden Völkern akzeptiert werde, den sie hatten nicht das Gefühl einen „arabischen Gott“ anzubeten.

 

Verantwortung des Einzelnen statt Kollektivschuld

Je  reifer und aufgeklärter der Mensch in seiner geschichtlichen Entwicklung wurde, desto mehr zog sich  in der Religionsgeschichte Gott als „allmächtiger Scharfrichter“ zurück. Die menschliche Emanzipationsgeschichte spiegelt sich in Heiligen Büchern wieder: Das alttestamentarische Prinzip der Kollektivschuld, das auch ansatzweise in das Neue Testament wiederzufinden ist, wird im Koran durch „individuelle Verantwortung“ ersetzt. Jeder Mensch haftet für seine eigenen Taten; und er wird nicht  wegen der Schuld seiner Großeltern zur Rechenschaft gezogen. Bestraft werden nur strafmündige Menschen, aber nicht ganze Völker. Kämpfe und Gewalthandlungen finden zwischen Soldaten statt. Vernichtung und Verbrennung ganzer Städte samt Bevölkerung, Frauen, Kinder und Viehbestand kommt nicht vor.

Mohammad wird wiederholt aufgefordert, integrationsunwillige Ungläubige in Ruhe zu lassen.  „Ermahne sie, denn Du bist ein nur ein Ermahner. Du bist kein Wächter über sie“ (88: 21-22)

Gott habe dem Menschen Augen und Ohren gegeben, um zu unterscheiden. Darum kann man ihm keinen Glauben aufzwingen: „Es gibt keinen Glaubenszwang, denn wahrlich ist nun  Wahrheit von Irrtum unterscheidbar…“ (2: 257) Der Mensch ist selbst verantwortlich, welchen Weg er einschlägt: „Haben wir ihm nicht zwei Augen gegeben. Und eine Zunge und zwei Lippen? * Dann haben wir ihm die beiden Hauptwege (zum Guten und Bösen) gezeigt …“ (90: 9-11)

Was den Verzicht auf weltliche Strafen angeht,  übernimmt der Koran die Tradition des Neuen Testaments: Die weltliche Bestrafung wegen vieler „Sünden“ findet nicht gleich in dieser Welt (Altes Testament) statt, sonder wird zu  Angelegenheit Gottes gemacht und auf unabsehbare Zeit vertagt. Es verwundert den Koranleser,, daß dieses Buch im Gegensatz zum Alten Testament für Verstöße gegen Fasten, Kleidervorschriften, Trinken und Essen von verbotenen Sachen (z. B. Alkoholkonsum und Essen von Schweinefleisch), Beschneidung, und viele andere „privaten“ Sünden keine weltlichen Strafen vorsieht.

 

Ein Mindestmaß für die  Todesstrafe

Die zahlreichen „Todessünden“ der Bibel (Altes Testament)  werden im Koran  auf zwei  Delikte nämlich Mord und „schweren Landfriedensbruch“ فساد فی الرضreduziert.

Todesstrafe für zwei anderen oft zitierten Delikte (Ehebruch und Abfall vom Glauben) kommt im Koran nicht vor. Diese wurden später aus „Hadith“ (Überlieferungen) abgeleitet.

Das Wort Steinigung als Strafmethode kommt kein einziges Mal im Koran vor. Es ist der Teufel, der immer wieder als „gesteinigt“ رجیم bezeichnet wird. Ehebruch wird mit 100 Peitschenhieben geahndet (24: 2-3) Allerdings wird in Shariat die Beweisführung so streng gehalten, dass sie fast unmöglich erscheint: vier glaubwürdige Zeugen müssen "die Vereinigung der Geschlechtsorgane" mit eigenen Augen beobachtet haben, oder müssen die „Täter“ an mehreren Tagen freiwillig ein Geständnis wiederholen. Nach Meinung mancher islamischen Gelehrten haben jüdischen Neumuslime in der islamischen Urgemeinde durch zweifelhafte Überlieferungen die „Steinigung“ aus der Thora in die islamische Tradition übertragen.

Daß die "Steinigung" für Unzucht nicht auf Koran zurückgehen kann, wird von Kommentatoren mit Hinweis auf eine Koranstelle begründet, in der die Bestrafung von Sklavinnen wegen benannt: "... sie sollen die Hälfte der Strafe erleiden, die für freie Frauen vorgeschrieben ist." (4: 26). Bekanntlich kann man eine "halbe" Todesstrafe nicht vollstrecken!

Die Bestrafung wegen Glaubenswechsels wird zu Gottessache gemacht; In den oft zitierten Versen 86 bis 91 der Sure 3 wird ausführlich über verschiedene Formen der Apostasie gesprochen, aber ihre Bestrafung wird auf das jüngste Gericht vertagt: Sie erleben „Fluch Gottes und der Engel und der Menschen“ ….  Und „eine schmerzhafte Strafe haben sie zu erwarten.“ Die Tötung der Apostaten geht auf eine Überlieferung bei Buchari zurück und hat keine koranische Grundlage. Es muß auch berücksichtigt werden, daß damals Apostasie mit Kampferklärung gegen die islamische Gemeinde und Überlaufen zum Feind gleichgesetzt wurde.

Auf Mord  steht die Todesstrafe. Diese Strafe trifft jedoch nur den Täter selbst, nicht seine Familie, seine Sippe oder seinen Stamm. Die Angehörigen des Ermordeten dürfen von ihrem strikten Recht ablassen und Blutgeld verlangen (2:178). Der Richter oder die Regierung können in diesem Fall den Angehörigen ihre Entscheidung nicht vorschreiben.

Die willkürliche Tötung (ohne Selbstverteidigung oder Wiederherstellung der Gerechtigkeit) wird im Koran verurteilt. Selbstmord ist  verboten. (2: 196) 

 

"Tötet sie, wo ihr sie findet!"

Schweres Kopfzerbrechen (auch den aufgeklärten Muslimen) breiten zahlreiche Koranstellen, in denen Härte gegen „Feinde des Islam“ gepredigt werden. Gerade in den letzten Jahren werden diese Verse mit Vorliebe von Kritikern zitiert und zum zentralen Dreh– und Angelpunkt der Beurteilung der Gewalt im Islam erhoben. Nicht selten wird der Unterschied zwischen Christentum und Islam auf zwei Gebote reduziert: hier „liebet eure Feinde!“ und dort „tötet sie, wo ihr sie findet!“

Das Hauptproblem liegt im Vergleich zwischen zwei Religionen, die von ihrer Entstehung her miteinander nicht vergleichbar sind. Es wäre so, als wollte man Buddha und Mao Tse Tung  miteinander in Beziehung setzen! Jesus verstand sind als Messias und hatte nie den Anspruch ein neues System zu gründet. (John:18,36) Er war ein Wanderprediger, der höchstens drei Jahre seine Lehre verkündete.

Mohammad erduldete 13 Jahre in Mekka Verfolgung, Verachtung und Beschimpfung seiner Gegner. Er wollte aber kein Märtyrer sein, und wanderte nach Medina aus. Dort hatte er nichts anderes im Sinn, als die Gründung eines alternativen Gesellschaftssystems. Von seiner religiösen Mission einmal abgesehen, vollzog sich zur damaligen Zeit ein revolutionärer Prozeß der Staatenbildung. Aus zersplitterten arabischen Stämmen mit zahlreichen Göttern und Götzen wurde ein einheitliches Volk, das sich als dritte Kraft neben Byzanz und Persien behauptete. Daß ein solcher Prozeß mit Gewalt und einhergeht, ist nicht eine Besonderheit des Islam. 

Von den 23 Jahren der Verkündung verging etwa 1/3 der Zeit mit kriegerischen Auseinandersetzung. Es scheint, daß es Muslimen anfänglich nicht gestattet war, zur Waffe greifen.  Die Erlaubnis gegen die Unterdrückung mit Waffe vorzugehen, ist wohl als „ultima ratio“  erteilt worden. „Erlaubnis ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah …, die unberechtigterweise aus ihren Häusern vertrieben wurden ... “  (22: 39,40) Eine Erlaubnis wird ja erteilt, wenn es sie vorher nicht gegeben hat.

Alle gewaltsamen Handlungen dieser 8 Jahre zwischen Muslimen und deren Gegnern schlugen sich im Koran nieder. Friedliche Muslime sollen nicht mit aller Kraft versuchen, diese Gewaltanwendungen als „Verteidigung“ zu rechtfertigen. Die Feldzüge der Muslime nach dem Tode Mohammads gegen Persien und Palästina waren gewiß keine Verteidigungskriege.

Es stellt sich aber die entscheidende Frage, ob die Aufforderungen zur Gewalt im Koran für die damaligen konkreten Situationen bestimmt waren, oder auf alle Zeiten angewandt werden können. Wer sind heute z.B. „Götzendiener“, „Ungläubige“ oder „Heuchler“? Im Koran gibt es auch eine Reihe von Vorschriften zur Behandlung von Sklaven, aber Sklaven in damaliger Form gibt es heute nicht mehr; genauso findet man heute auch die im Neuen Testament oft genannten „Pharisäer“ nicht als eine gesellschaftliche Gruppe.

Aristoteles hatte die Sklaverei damit gerechtfertigt, daß manche Menschen zum Dienen und andere zum Herrschen geboren werden. Kein Philosoph kommt heute auf die Idee dieses Prinzip als untrennbaren Bestandteil der aristotelischen Philosophie zu verstehen. Das gleiche gilt auch für die Heiligen Schriften. Sie sind „Wort Gottes“, aber gesprochen in menschlicher Sprache unter „bestimmten Bedingungen“.

Die meisten muslimischen Theologen beurteilen die kriegerischen Verse des Koran nur in ihrem historischen Kontext. „Anlässe der Offenbarung“ (اسباب النزول) gehört seit Jahrhunderten zu den Grundinstrumenten der islamischen Koranexegeten.

Eine der von Islamkritikern oft zitierte Stelle ist z.B. Vers 192 der Sure 2: "Und tötet sie, wo ihr immer auf sie stößt ….“  Wenn man sich von Urteilen islamischer Fundamentalisten und festgefahrenen Ansichten mancher Islamkritiker freimacht, sieht man den wirklichen „Anlaß der Offenbarung“ dieses Verses im Zusammenhang mit einem einmaligen historischen Ereignis:

 

weiter

 

نشریه فرهنگی، ادبی و اجتماعی

Home

صفحه نخست

Archiv

آرشیو برگ سبز

Religion

und Dialog

گفتگو بین ادیان

Spiritualität

und Mystik

عرفان

Kunst und Literatur

هنر و ادبیات

Geschichte

تاریخ

Recht

حقوق

Interviews

مصاحبه ها

 

 

über

Barge Sabz

درباره برگ سبز

Briefe an uns

نامه ها

Gesellschaft für interkulturelle Konflikt-forschung

انجمن بررسی 

برخوردهای فرهنگی

über Hadi Resasade

درباره ناشر

برگ سبز

Kontakt

تماس با ما