Existiert Gott?

 

Unter diesem Titel erschien 1978 das Mammutwerk (über 800 Seiten) des Tübinger Theologen und Vatikankritikers Hans Küng, mit dem Untertitel „Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit“. Auf Gottes-Frage gibt er Antworten, aber keine Antwort auf die Hauptfrage nach der Existenz Gottes. Hans Küng könnte gleich zu Beginn den Leser entlasten, indem er gesagt hätte: Die Frage „existiert Gott?“ ist so falsch gestellt, daß es keine befriedigende Antwort darauf geben kann.

Dieser Satz besteht nur aus zwei ungeklärten Begriffen. Der  arabische Wissenschaftler Ibn Khaldoun (1332-1406) verlangte eine Definition der Begriffe vor jedem Dialog. In seinem Sinne gehen wir vor:

Was bedeutet „Gott“? Ist Gott: Naturgesetze, eine hohe Gewalt, „unbewegter Beweger“ (Aristoteles), ein absolutes unerreichbares und unbegreifbares Wesen, eine Macht, welche die Welt erschuf (Urknall), und sich dann zurück zog, die immer währende Bewegung in der Materie? Ein Wesen, das unsere Gebete hört, Propheten schickt, ein jüngstes Gericht errichtet und die Bösen betraft? Ist er Gott des Mose, der keinen Namen annimmt („ich bin der, der ist.“),  Gott des Christentums, der sich den Menschen in Gestalt des Sohnes offenbart, oder Gott der Muslime, der sich vehement weigert, einen „Sohn“ gehabt zu haben?

Die Liste läßt sich fortsetzen, wenn wir auch Gott der Naturreligionen hinzuziehen; eine Reise nach Indien und Japan mit „persönlichen Familiengöttern“ unternehmen und uns dem altpersischen Propheten Zaratustra widmen, der das Weltgeschehen als Kampf zwischen dem guten Gott (Ahuramazda) und dem Bösen (Ahriman) sieht.

Was ist Existenz? Die Philosophie ist seit über 2.000 Jahren mit dieser Frage befaßt. Was sind Existenz, Sein, Dasein, in-der-Welt-Sein, an und für sich Sein, der Seiende u.a. Der klassische Beweis der Existenz von Dingen war die sinnliche Wahrnehmung. Heute speichern wir Tausende Seiten von Texten, Filmen und Musiktiteln auf einer Festplatte, die sich gar nicht von einer leeren unterscheidet. Sind diese Informationen existent, oder bekommen sie erst „Existenz“ durch den Computer? Wenn alles ein Gegenteil hat (Licht-Dunkelheit; Gutes-Böses; Mann-Frau u.a.), dann fragt sich, was das Gegenteil vom Sein ist? Nichts? Was ist es? Ist Nichts gleich wie die Abwesenheit? Wenn es so ist, dann ist doch die Abwesenheit von Krieg, Krankheit und Unglück etwas Positives. Wenn eine Familie nach einem Urlaub nach Hause kommt, beobachtet sie ob sich etwas im Haus verändert hat. Ist nichts gesehenen, nichtsbewegt und keine Schublade geöffnet worden, dann empfindet man Freude und Erleichterung. Es ist die Freude an Nichts. Wenn wir uns mit einem Freund in einem Cafe verabreden, und sehen ihn zum Zeitpunkt des Treffens nicht, dann ist das einzige was für uns IST, ist das Nichtsein des Freundes. Das Sein von  anderen Personen wird für uns aber uninteressant, zu Nichts. (frei nach Jean Paul Sartre).  Das Nichts hat also auch einen  Stellenwert; und warum soll überhaupt das Sein wichtiger sein als das Nichts? Ist das Sein, das was wir „erfahren“? Wenn es so ist, dann ist der Tod kein Lebensereignis, denn den Tod „er-lebt“ man nicht (nach Ludwig Wittgenstein).

Existiert Gott wie die Sonne, die uns Wärme und Leben schenkt? Ist es die allumfassende transzentenale Existenz eines Seins? Ist seine Existenz gleich wie das Dasein von Informationen auf einer Festplatte? Ist die Welt ein Computer und Gott der Prozessor?

Fragen über Fragen, aber keine allgemein akzeptable Antwort in Sicht.

 

Gott unserer Kindheit ist tot!

Wenn wir die abrahamitischen Religionen nehmen, so findet man angefangen mit der „Schöpfungsgeschichte“ des Alten Testaments bis zum Koran (von Nuancen abgesehen) durchgehend ein gemeinsames Bild des Menschen von Gott und Universum: Die Schöpfung des Menschen und der Welt geschehen gleichzeitig; eine Evolution fand nicht statt. Die Erde ist wie ein Teller, worauf die Kuppel des Himmels aufgebaut ist. Sterne sind wie Leuchten in diese Kuppel gehämmert; die Sonne dreht sich um uns; der Mond ist für die Zählung der Monate geschaffen; und schließlich haben Naturereignisse (Sonne– und Mondfinsternis) ihre Ursachen in unseren Taten; und Naturkatastrophen sind Antworten Gottes auf unsere Sünden. Diese Vorstellung deckte sich Jahrtausende lang mit dem Stand der wissenschaftlichen Vorstellung vor der Natur. Kein Es wundert nicht, denn das religiöse Weltbild (Schöpfung) war ja gerade aus „wissenschaftlichen“ Vorstellung der damaligen Menschen von der Natur resultiert. Die Frage nach der Existenz Gottes stellte sich nur in engen Kreisen und nicht auf breiter Basis. Es ging nicht darum, ob es einen Gott gibt. Die Frage war, welcher Gott der richtige ist.  Auch die monotheistischen Religionen wollten nicht Gott beweisen, sondern falsche Götter verneinen. Es herrscht seit fast 5.000 Jahren bei diesen Religionen der Satz: „Ich bin der einzige Gott, und Du sollst keine Götter neben mir anbeten.“

Die Schöpfungsgeschichte bringt  die Übereinstimmung dieser beiden Sichtweisen von der Welt (Natur /   Schöpfung) auf den Punkt. So gibt es im Judentum, Christentum und Islam keinen einzigen Hinweis auf Lebewesen vor der Entstehung des Menschen. Die Geschichte des heutigen Menschen (Homo sapiens) ist wohl  ca. 200.000 Jahre alt. Die Dinosaurier bevölkerten vor 235 Millionen Jahren die Erde und wurden vor ca. 25 Millionen Jahren ausgerottet. Doch findet man über dieses dramatische Ereignis in den Heiligen Schriften kein einziges Wort. Gott tritt erstmals mit der Schöpfung des Menschen auf die universale Bühne, was er vorher getan hat, ist folgerichtig irrelevant. Nach dieser Logik gehören Dinosaurier zur Natur, aber nicht zur göttlichen Schöpfung.

Daß der Mensch in dieser Weise von einem Gott geschaffen wurde, ist selbst im Vergleich zur Menschheitsgeschichte jüngeren Datums. Wenn wir die Geschichte der Menschheit (200.000 Jahre) und die Geschichte des Monotheismus (ca. 5.000 Jahre) bedenken und die Menschheit als einen 100jährigen Menschen betrachten, dann begann er im Alter von etwa 98 Jahren an einen einzigen Gott zu glauben. Gott hat in der langen Geschichte der Natur keine Tradition.

 

Trennung zwischen „Natur“ und „Schöpfung“

Die Übereinstimmung zwischen der Welt als Natur und als Schöpfung wurde vor etwa 400 Jahren radikal und auf breiter Basis zur Diskussion gestellt.

Entgegen der herkömmlichen Auffassung war es nicht Darwin (1809-1882), der mit seiner Evolutionstheorie die Gültigkeit der Schöpfungsgeschichte als Grundstein des religiösen Denkens in Frage stellte. Vielmehr wurde erst der Himmel als Wohnstätte Gottes angegriffen. Kopernikus (1473-1541)und später Galilei (1564-1642) brachten das bis dahin herrschende Weltbild durcheinander, in dem sie zeigten, daß die Erde nicht das Zentrum des Universums ist, sondern sich gleichberechtigt mit anderen teilweise größeren Planeten um die Sonne dreht. Bis dahin gab es eine untrennbare Übereinstimmung zwischen dem Ptolemäischen und kirchlichen Weltbild. Nach wissenschaftlichen Forschungen von Ptolemäus steht die Erde fest im Mittelpunkt des Weltalls. Das Universum ist wie eine Zwiebel in Schichten (Himmeln) geschaffen. Alle anderen Himmelskörper (Mond, Sonne, Planeten, Sterne) bewegen sich  um die Erde. Die Kirche sah bis dahin das Himmelsreich als ihr unbestreitbares Privateigentum. Bis dahin war die Erde die Hauptstadt des Universums und Vatikan das Zentrum der Erde!

Zugleich feierte der Rationalismus seinen Siegeszug über unerklärbare dämonische Kräfte. Der Vater dieser Entwicklung ist zweifellos Rene Descartes (1596-1650. Descartes arbeitete mit dem „methodischen Zweifel“. Es ist nur eine Methode der Wahrheitsfindung.  Er meinte, man kann an allem zweifeln, und dann ausgehend von einem zweifelsfreien Prinzip mit Instrumenten des logischen Denkens die Dinge erklären. „Ich zweifele; wenn ich zweifele dann denke ich; wenn ich denke, dann bin ich.“ (frei nach Descartes) Hier beginnt die große Spaltung zwischen religiösem und wissenschaftlichem Weltbild.  Es war der größte Fehler der offiziellen Kirchen diese Trennung nicht zu akzeptieren. Kopernikus, Galilei und Descartes waren alle gottgläubige Christen. Sie verstanden ihre Wissenschaft nicht als eine antichristliche Ideologie. Galilei war sogar bemüht, nachzuweisen, daß seine Vorstellungen mit der Bibel übereinstimmten. Es war die politische Machtsucht der Kirche, die diese Emanzipation als pure Konfrontation deutete. Unter dieser Fehleinschätzung leidet die Menschheit bis heute. Der Inquisitionsprozeß gegen Galilei und die Bekämpfung der Wissenschaft vertiefte diese Konfrontation und trennte für immer die Wege. Glaube und Vernunft, die sich ergänzen sollten („Glaube kann Berge versetzen, ohne Vernunft setzt man sie aber an falsche Stelle.“), wurden zu Rivalen. Die Religion, unterlegen in ihren Weltbilddeutungen überließ der entfesselten Naturwissenschaft das Feld. Zusammen mit Aberglaube und religiöser Blindheit wurden auch positive Glaubenselemente (Spiritualität, Transzendenz, sinnspendende menschliche Hoffnungsträger) zur Bedeutungslosigkeit verdammt und in den Schatten der technologisch-industrielle Wachstumsideologie gestellt.

 

Aufklärung: Gott ist für Menschen und nicht umgekehrt.

Nach Descartes und Galilei leiteten Immanuel Kant (Begründer der modernen Philosophie) und Isaac Newton (Vater der klassischen Physik) im 18. Jahrhundert eine zweite große Entwicklung ein: Newton entwickelte die Gesetze der Mechanik und Bewegung, die noch bis heute in der Makrophysik gültig sind. Seit Newton kann mit Gewißheit behauptet werde, daß die Welt sich nach berechenbaren Gesetzen bewegt, auch wenn diese noch lange nicht entdeckt sind und nicht völlig entdeckt werden können.

Kant wandte diese Gesetzmäßigkeit auf „Vernunft“ an. Auch das vernünftige Denken folgt gewissen strengen von Religion unabhängigen Gesetzen: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Aber während Descartes noch versucht hatte, die Existenz Gottes rational zu begründen (Gott als vollkommenstes Wesen), verwarf der kritisch denkende Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ alle Gottesbeweise. Der Mensch könne mit Gesetzen der reinen Vernunft (Theorie, „was ist“) nur das beweisen, was er auch wahrnehmen kann. Gott ist eine Angelegenheit der „praktischen Vernunft“ (Ethik, „was sein soll“): es ist vernünftig und besser an Gott als Regulator des ethischen Verhaltens zu glauben. 

Während Galilei die Erde als Weltzentrum beiseite schiebt, macht Kant den vernünftigen und aufgeklärten Menschen zum Zentrum der Welterfahrung. Während Descartes meint, die Existenz Gottes ist beweisbar, sagt Kant: Gott ist nicht beweisbar, aber er Glaube an seine Existenz kann Menschen dienen.

Im 20. Jahrhundert rückte (insbesondere nach der menschenverachtenden Politik des Faschismus und Stalinismus) mehr und mehr der MENSCH in das Zentrum aller theologischen Überlegungen. Damit bewegen wir uns zurück zu den Quellen des religiösen Glaubens. Religion (Marx bezeichnete sie zurecht als „Seufzer der bedrängten Kreatur“) wurde mehr als Instrument gegen Angst, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit von Menschen verstanden, Große Ideologien (Kommunismus, Faschismus, westlicher Modernismus) konnten dem Einzelnen kein Gefühl von Geborgenheit geben. Die Suche nach dem „Heiligen“, „Absoluten“, „Vollkommenden“ ist den Menschen seit seiner Entstehung in die Wiege gelegt. Dieses Bedürfnis ist weder mit den Gesetzen des rationalen Denkens (Descartes), noch mit dem Hinweis auf gesellschaftlich-moralische Notwendigkeit (Kant) „beweisbar“. Es ist einfach da und ist serienmäßig in menschliche Seele eingebaut, ob wir es wollen, oder nicht!  So wie Drüsen, die nützliche Sekrete in den Körper ausscheiden, produziert unsere Seele einen Drang nach oben, nach Transzendenz, höheren Werte, Vorstellungen, Phantasien und Träumen. Diese gehören zu ästhetischen Bedürfnissen der Menschen. Ohne sie gäbe es keine Dichtung, Märchen, Musik, Malerei und Kunst. Kommt je ein Wissenschaftler auf die Idee die Existenz von „Schönheit“, „Sanftmutigkeit“, „Gnade und Brüderlichkeit“ in der Natur  zu beweisen?  Die Gottesfrage als Teil der menschlichen Existenz bringt uns in seltsamer Weise in die Nähe der Physik. Diese Disziplin beschäftigt sich mit den Gesetzen der Bewegung. Wir können nach Descartes an allen Dingen zweifeln, aber nicht daran, daß auch der Zweifel eine Art Bewegung ist von Gewißheit zur Ungewißheit. Solange es Bewegung gibt, gibt es auch Existenz. Die Bewegung durchläuft die kleinsten Teilchen bis zu größten Planeten.  Diese Erkenntnis kann zum Ausgangespunkt einer neuen Überlegung  werden: Ich kann an einem „unbewegten Beweger“ zweifeln, kann aber nicht leugnen, daß in der gesamten Natur eine Bewegung herrscht. Bewegung ist der gemeinsame Nenner aller Naturerscheinungen. Die Gesetze  der Natur sollen wir aber Naturwissenschaftlern überlassen. Sie haben selbst mehr Zweifel an der Richtigkeit ihrer Erkenntnisse, als die Laien denken. Fanatische atheistische Laien unterscheiden sich kaum von fanatischen Hizbollahis! Wir sollen uns an erster Stelle mit der eigenen Existenz beschäftigen und können problemlos ohne große wissenschaftliche Kenntnisse feststellen, daß diese universelle Bewegung auch in uns herrscht. Bewegung braucht eine Richtung von etwas zu etwas anderem. Wenn ich sage, „ich werde mich ändern“, so will ich eine Bewegung in Gang setzen von „Ich“ zu einem anderen „Ich“. ES gibt also zwei „Ichs“ in mir und eine Bewegung in Richtung auf Vollkommenheit, einen Drang nach etwas Höherem, nach Entwicklung, nach einer besseren Zeit und …. Für diese Bewegung benötige ich einen Antrieb, Interesse, Motivation. In einem Wort kann ich ohne „Drang“ diesen Weg nicht bestreiten. Interesse, Bewegung und Drang gehören zusammen. Die menschliche Sprache hat dafür das Wort „Liebe“ erfunden, die alle diese Momente erfaßt. Aber „Liebe zu Bewegung in Richtung Vollkommenheit“ beinhaltet gerade „Attribute“, die man Gott zugeschrieben hat, und Liebe wurde am häufigsten mit Gott gleichgesetzt: So schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13, 13)

 

ES gibt einen „gott“.

Aristoteles sprach in Dimensionen des Universums vom „unbewegten Beweger“. Die Gesetze des Universums können wir aber leider mit unserem beschränkten Verstand nicht erfassen. Auf der Ebene der menschlichen Existenz spüren wir problemlos eine „liebevolle Bewegung und Anziehung“, die das menschliche Dasein zusammenhält und unser Verhalten reguliert. Die liebevolle Bewegung zweier Geschlechter zu einander, die Bewegung von Sperma auf das Ei, die Geburt, die Anziehungskraft der Mutter, das Interesse des Kindes an seine Umwelt, die Lust nach Entfaltung und Entwicklung, das Schlagen des Herzens, die Atmung, Nahrungsaufnahme und Ausscheidung, und schließlich die Bewegung zum Tode sind alle kleine Momente einer universellen Evolution (Bewegung). Diese Bewegung wird von Außen verursacht. Uns wird ständig gegeben. Dies ist aber so alltäglich, daß keiner mehr daran denkt. Wie oft am Tag denken wir an die Luft, ohne die wir nicht leben können?  Man kann auch sagen, daß wir uns innerlich nicht zu einem zweiten ICH, sondern zu IHM bewegen. Es ist nur eine Frage der Semantik, wie das Ziel dieser liebevollen Bewegung sprachlich gedeutet wird. Die orientalischen Mystiker gingen oft diesen Weg. Für sie (z. B. Ibn-e Arabi) war Gott „die bewegende Liebe“, oder „liebende Bewegung“. Auch der Koran bezeichnet das Gott-Mensch-Verhältnis als „gegenseitige Liebe“ (5, 54).یُحبّهُم و یُحبّونهُ  Wenn Gott in uns sein soll, dann findet tagtäglich eine Bewegung zu „IHM“ statt. Nach der islamischen Mystik macht der Mensch eine Bewegung zu Gott, und dann fängt die schwierige Anstrengung: Bewegung in Gott. Diese Erkenntnis gehört ins Reich der sinnlichen Wahrnehmung und ist eine existentielle Erfahrung, die nicht vermittelt und durch wissenschaftliche Bestätigung erforscht werden kann. Schließlich kann man auch durch Lektüre von Büchern nicht das Schwimmen lernen. Gott zu beweisen, oder ihn in anderen Sphären zu suchen hat in eine Sackgasse geführt. Es gibt keinen Zweifel, auch unter Atheisten, daß es eine höhere Gewalt gibt. Aber diese mit Gott gleichzusetzen, hilft dem „Gottesglauben“ nicht weiter. Man kann nicht eine solche „Macht“ anbeten und von ihr etwas verlangen. Die Natur ist taub! Der spirituelle Glaube geht eine Stufe höher und begnügt sich nicht mit der Existenz einer „höheren Macht“; „Weltmechanismus“ und sonstige naturwissenschaftliche Selbstverständlichkeiten.

Fazit: „ES gibt einen gott“. Dieser kleingeschriebene „gott“ (liebevolle Bewegung zur Vollkommenheit) lebt in der menschlichen Existenz; er  wurde vom endlichen Menschen (als Ersatz für das unerreichbare Unendliche) erfunden, und sie gehört zu urmenschlichen Bedürfnissen, die Welt als lebendige „Schöpfung“ und nicht als „mechanische Naturgesetze“ zu sehen. Was ist aber das „ES“, das „gott“ und Bewegung gibt? Das bleibt im Dunklen. Das endliche Wesen (Mensch) kann das Unendliche (ES) nicht begreifen. Wenn ES begriffen wird, dann ist es wieder eine menschliche Projektion. Um das absolute Sein (ES) zu verstehen, muß der Mensch zu  Beobachter und das Sein zu einem Objekt der Wahrnehmung werden. Der Beobachter muß dafür vom Objekt getrennt agieren, d.h. außerhalb des SEINS stehen. Stehe ich außerhalb des Seins (ES), dann bin ich nicht mehr am Leben, denn Tote denken nicht!

Hadi Resasade

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Textfeld: Der Gottesbegriff nach Tsunami
Der Tsunami vom 2. Weihnachtstag 2004 forderte rund 300.000 Opfer. Zehntausende wurden verletzt und Millionen von Menschen obdachlos.
Seit diesem Tag stellt sich wieder die uralte Frage: „ist Gott gleichzeitig allmächtig und allgütig? Wenn Gott mit dieser Katastrophe seine Allmacht gezeigt hat, dann ist er nicht allgütig; wenn er allgütig ist, hatte er also keine Macht diese zu verhindern.“
Die Frage der Theodizee (Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels u. Bösen, das man mit dem Glauben an seine Allmacht, Weisheit und Güte in Einklang zu bringen sucht) wurde das letzte Mal vor 250 Jahren nach dem verheerenden Seebeben von Lissabon in Europa gestellt. Am 01. November 1755 wurde die prächtige Stadt Lissabon durch ein Seebeben der Stärke 9 erschüttert und weitgehend zerstört. Die Flutwellen wurden bis in der Nähe von Hamburg registriert. Es kamen etwa 60.000 Menschen ums Leben. Die seismologische Erschütterung durchdrang auch die Köpfe vieler Denker und führte zu einer ernsten Krise der Philosophie und Theologie. Fast alle zeitgenössischen Denker beteiligten sich in den folgenden Jahrzehnten an der teleologischen Diskussion über die Gerechtigkeit Gottes, u.a. Gottsched, Lessing, Kant, Goethe, Rousseau und Voltaire. 

Der Allmächtige war da, der Gnädige aber nicht.
Voltaire soll nach dieser Katastrophe seinen Glauben verloren haben.  Er schrieb: 
"Du ewiges Geschehen nutzloser Katastrophen! Ihr ruft: 'Alles ist gut!' Getäuschte Philosophen, kommt her und schaut euch an: entsetzliche Ruinen, die Scherben und der Schutt, von Asche die Lawinen, und Schicht auf Schicht gehäuft die Kinder und die Frauen, zerstreuter Gliederstaub, vom Marmorstein zerhauen" In seiner philosophischen Erzählung »Candide oder der Optimismus« (1759) schreib er weiter: „Entsetzt, bestürzt, seiner Sinne nicht mächtig, über und über blutend und zitternd, sagte Candide sich: >Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die anderen sein?<“
Auch der junge Goethe war nicht wenig betroffen: „Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden (…) hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen.“
Strafprediger hielten dagegen an ihrem Gottesbild fest: Die katholische Kirche interpretierte das Geschehen als Strafe Gottes für die Lasterhaftigkeit der Menschen. Britische Protestanten hingegen waren der Meinung, Gott missbillige katholische Verbrechen. Deutsche Protestanten sahen gar den Untergang des Katholizismus gekommen.
Nach dem Tsunami vom Dezember 2004 waren die Strafprediger (zumindest unter den Christen) in absoluter Minderheit, was ein gewaltiger Fortschritt im religiösen Glauben darstellt. Dennoch blieb die Frage der Rechtfertigung der göttlichen Güte und Barmherzigkeit trotz einer solchen Katastrophe auch 250 Jahre nach Lissabon offen. Man konnte nur das wiederholen, was seit Leibniz bekannt ist: „das Negative kommt nicht von Gott; sie sind Mängel und Verkehrungen der göttlichen Schöpfung durch den Menschen“; „Gott lässt das Böse nur im Einzelfall zu, um die Gesamtheit der Schöpfung so vollkommen wie möglich darzustellen.“; „Gott ist allwissend und verfolgt mit solchen Übeln Absichten, die den Mensch verborgen bleiben.“
Wir respektieren diese Antworten und würdigen alle Versuche, die darauf ausgerichtet sind, Gott als barmherzig, allgütig und gnädig zu bezeichnen. Dies ist in einer Zeit, wo Grausamkeiten und Aggressionen im Namen Gottes stattfinden, ein begrüßenswerter positiver Schritt den „humanen Kern“ der Religion zu betonen.
Mir scheinen aber nicht die Antworten problematisch, sondern halte die ursprüngliche Fragestellung und den damit verbundenen Widerspruch (Güte versus Allmacht) für falsch: es ist unklar, von welchem Gott überhaupt hier die Rede ist, der gleichzeitig allgütig und allmächtig sein soll? Welcher Gottesbegriff liegt dieser Frage zugrunde? Was ist unter der Schöpfung Gottes zu verstehen?

Sind Gott und Naturgesetze Konkurrenten?
Emanuel Kant beschäftigte sich 1756 (ein Jahr nach dem Seebeben)  intensiv mit der erschütternden Katastrophe von Lissabon und verfasste darüber drei Schriften. In seiner 2. Schrift betont er  die Unterwerfung der Natur unter bestimmte Naturgesetze. Diese von Gott eingerichteten Gesetze bestimmen nach Kant den Ablauf der Natur, ein direktes Eingreifen Gottes steht für ihn daher nicht zur Diskussion. Kant betont die Sinnhaftigkeit der Naturgesetze - bezogen auf die gesamte Schöpfung. Deshalb fällt es ihm nun nicht schwer, positive Begleiterscheinungen des Bebens als Beweisgründe für diese These anzuführen. In seiner „Schlußbetrachtung“ wendet sich Kant noch einmal vehement gegen eine Deutung des Bebens als Strafgericht Gottes („Diese Art des Urteils ist sträflicher Vorwitz.“) und weist, ähnlich wie Rousseau, metaphysische oder theologische Interpretationen zurück. 
Schließlich verfasste er unter dem Eindruck dieser Katastrophe 1791 seine Schrift  „Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“  Er lehnt das Argument ab, Gott habe das Übel in der Welt zugunsten des Ganznen nicht vermeiden können und daher zugelassen. Er hält die Frage der Theodizee mit Hilfe der spekulativen Vernunft nicht lösbar. Gott könne nicht im Sinne objektive Erkenntnis verstanden und erkennen werden. Kant war mit seinen Überlegungen seiner zeit weit voraus. Er hatte nicht das begrenzte menschliche Leben, sondern die Gesamtheit der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten vor Augen. 
In seinem Sinne wenden wir uns einmal  der Geschichte der „Entfaltung der Wandlungsfülle des SEINS“ (Martin Heidegger) stichwortartig zu: 

Gott lenkt, der Mensch denkt.
Nach Schätzungen der Physiker entstand das Universum vor 11 bis 15 Mrd. Jahren durch den berühmten „Urknall“. Innerhalb von Sekunden soll sich ein „Nullpunkt“ mit ungeheurer Energie und Geschwindigkeit expandiert haben; eine Expansion, die sich noch fortsetzt. Nach Einsteins Gravitationstheorie kann diese Expansion in drei Richtungen laufen: sie kann in alle Ewigkeit weiter gehen; sie kommt in unendlicher Zeit zum Erliegen; oder sie verwandelt sich nach endlicher Zeit in eine Kontraktionsbewegung, bei der sich das Universum in einem Endknall selbst vernichtet. Kommt es dann also zu einem neuen Urknall?  Das Alter der Erde wird mit 4,6 bis 5 Mrd. geschätzt.  Den vernunftbegabten Menschen (Homo sapiens) gibt es seit etwa 130.000 Jahren, und der Gottesglaube (Monotheismus) entstand vor ca. 4.000 Jahren. 
Als vor 65 Mio. Jahren durch eine gewaltige Naturkatastrophe das Leben der Saurier und die Vegetation total ausgelöscht wurde, war kein vernunftbegabter Mensch da, um zu fragen: „Warum hat Gott dieses Leid zugelassen.“  
Wie man auch zu Gott steht, kann als Konsens anerkannt werden, daß der „Gottesglaube“ nur mit dem vernunftbegabten Menschen geboren wurde. Dies bedeutet nicht, daß der Mensch Schöpfer Gottes sei. Er schuf aber zumindest mit seiner Sprache den Begriff „Gott“ und seine Attribute, wie „Gerechtigkeit“, „Güte“, „Barmherzigkeit“, „Allwissenheit“, „Allmacht“ u.a. Es ist bemerkenswert, daß der Mensch in einem sehr frühen Stadium intuitiv zur Erkenntnis kam, daß die Schöpfung einen Anfang, ein Ende und eine der Welt innewohnende „Urkraft“ hat, und nicht von absoluter Ewigkeit ist. Von Aristoteles bis zum Beginn des 20. Jhdts.  war dagegen die Wissenschaft von der Unwandelbarkeit und damit der Ungeschichtlichkeit des Universums überzeugt. Selbst Albert Einstein, der 1917 die Gravitationstheorie auf die Welt im Großen anwendet, ging noch von einem statischen Modell aus, in dem eine endliche Welt von Ewigkeit an existiert und niemals endet.
Lange Zeit bildeten Wissenschaft und Glauben keine Gegensätze, und der Mensch als „Diener“ Gottes sah zwischen Allmacht und grenzloser Barmherzigkeit Gottes keinen Widerspruch, denn was nicht in diese Formel passte, wurde als „unbegreifbarer Wille Gottes“ interpretieret. 
Erst der Fortschritt des Wissens konfrontierte die Menschen (im Mittelalter) mit Frage der Vereinbarkeit zwischen Güte und Allmacht Gottes.
Mit Bescheidenheit kommen wir weiter. Wir haben also hier mit einer Frage zu tun, die gemessen am zeitlichen und räumlichen Dimension des Universums fast „bedeutungslos“ ist.  Seit fast 15 Mrd. Jahren wird das Universum ohne Rücksicht auf die unbedeutende menschliche Kreatur von einer unvorstellbaren und allen Wesen innewohnenden „Urkraft“ gelenkt und gesteuert. Nur in der Geschichte der Menschheit wurde diese Urkraft von Menschen beachtet und mit von ihm geschaffenen Begriffen wie: „Logos“, „Idee“, „absoluter Geist“, „Energie“, „absoluter Macht“, „Wille“, „Vernunft“, „Naturgesetz“, „Liebe“, „das Absolute“ u.a. bezeichnet. In einer islamischen Überlieferung sagt Gott: „Ich war ein verborgner Schatz, und schuf den Menschen, um von ihm entdeckt zu werden.“ 
Ich möchte anstatt aller obigen Begriffe von einem „Erhabenen“ sprechen, das alle diese Worte annimmt, aber gleichzeitig sich jeder Umschreibung entzieht. Der Mensch wollte sich aber nie mit diesem „Entzug“ abfinden und sucht ständig nach einem Zugang zu diesem rätselhaften Quellgrund des Seins, zum Erhabenen. Diese Suche ist nicht ein teil des Menschen, sondern die Grundlage der Existenz:  Der Mensch existiert, indem er sich selbst überschreitet. Er hat immer wider versucht, dieses „Absolute“ zu „entdecken“, scheiterte aber ständig an den Grenzen seines Denkvermögens. Wie eine Ameise, die immer wider mit einer überschweren Nahrung eine steile Wand hochklettert, aber immer wieder herunterfällt, suchte der Mensch permanent das Aufsteigen und die Annährung an das Erhabene. Dieser ständige Versuch ist der universelle und letzte SINN des menschlichen Lebens.
Der Mensch sucht einen Zugang zum Erhabenen.
Das Ergebnis dieser Suche war und bleibt immer unbefriedigend, menschlich und widersprüchlich. Es gleicht dem Versuch eines kleinen Kindes, eine wunderschöne Naturlandschaft aus seinem Blick und mit ungeübter Hand aufs Papier zu bringen. Häufig wurde dieses Abbild durch Menschenhand zu einer Karikatur, die er für schön und vollständig hielt. Daß der Mensch bei der Zeichnung des „Unvorstellbaren“ sich in Widersprüche verwickelt hat, und nicht weiß, wem er das selbst definierte  „Übel“ zuschreiben soll, und wie „Allmacht“ und „Güte“ zusammenpassen, ist selbstverschuldet und hausgemacht. Objektiv gesehen gibt es diesen Widerspruch nicht; es existiert nur in unseren Köpfen. Wenn wir einen Vulkan  aus großer Entfernung betrachten, sehen wir darin ein „prächtiges Naturschauspiel“. Wenn aber eine an diesem Berg gebaute Stadt dabei untergeht, reden wir mit Recht von einer „Naturkatastrophe“.
Wir haben also mit zwei Komplexen oder Ebenen zu tun, die aus philosophischer Sicht getrennt voneinander zu behandeln sind: Das Erhabene als Urkraft und ständiger Begleiter des Seins entzieht sich jeglichen von menschlicher Sprache und Vorstellungen geschaffenen Attributen. In diesem Reich haben unzulängliche Begriffe wie Macht, Gewalt, Gerechtigkeit, Übel, Böses, Güte, Barmherzigkeit u.a. keinen Platz. Alle diese Begriffe sind Erzeugnisse der menschlichen Vernunft, Bemühungen eines neuen Gastes auf dieser Erde, der als letzter die Bühne betrat, aber das ganze Sein in seinen Dienst stellen will. Das Erhabene denkt aber nicht, sonder lenkt ohne Rücksicht auf menschliche Definitionen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Das Erhabene ist „bedürfnislos“ und „souverän“. Wir können Ihm diese und jene Attribute geben; er nimmt wohl diese Geschenke an, ist aber nicht darauf angewiesen, sich nach unserem Willen zu richten. Je näher wir in unseren Vorstellungen glauben an dieses Absolute herangetreten zu sein, desto mehr entzieht und entfernt es sich von uns, denn das Universum expandiert mit einem für uns unklaren Endziel.

Die Suche geht weiter ….
Aber durch menschliche Vorstellungen und Attributszuweisungen wird das Erhabene nicht abgewertet, sondern  vermenschlicht und ansprechbar gemacht. Der Mensch vermenschlicht das Universum und die Natur, schafft Wärme in einer kalten Welt, verbinden sich mit dem Dasein, nimmt menschliche Mitverantwortung an, und gibt dem Leben Licht und Sinn. Auch Atheisten sind von dieser Versuchung nicht auszunehmen, denn sie befassen sich gedanklich mit Gott mehr als die Gläubigen. Ob man das Erhabene als Naturgesetz, oder Gott bezeichnet, spielt keine Rolle. Wichtiger sind die praktischen Konsequenzen im täglichen Leben: Umgang mit der Natur und Lebewesen, Gerechtigkeitssinn, Solidarität und Menschlichkeit. In der Tat ist das Bedürfnis nach Geborgenheit, Wärme, Sicherheit, Überschreitung der Realität, Phantasien, Träumen und Hoffnungen älter, als die Weltreligionen und ihre Anweisungen für den richtigen Weg zu Erhabenen.  „Die Durchdring des Endlichen durch das Unendliche“ (Friedrich Schleiermacher) war und bleibt der Hauptantrieb und sinnspendende Kraft, die immer das Höchste gesucht hat. Ohne diese schöpferische Kraft wäre das Leben ein sinnloses Unterfangen. Gottesglaube ist also nur eins der Mittel gewesen, um die Begeisterung für das Schöne und Erstaunliche zu kanalisieren.
Gottesglaube als die Personfitzeierung des Unbegreiflichen war also ursprünglich eine rein menschliche und individuelle Erfahrung auf der Such nach einer Verbindung mit dem Universum. Durch große Weltreligionen wurde er auf Gesellschaft, Politik und Natur übertragen. Die Säkularisierung trennte den Glauben von der Politik und machte ihn zu einer individuellen menschlichen Angelegenheit, ohne ihn jedoch von Natur und Universum zu trennen. Diese Trennung muß auch nicht unbedingt stattfinden. Aber solange versucht wird, diese Verbindung wissenschaftlich, philosophisch oder theologisch zu begründet, wird uns das Dilemma „Güte versus Allmacht“ ständig begleiten. Gottesglaube ist nur eine ästhetische menschliche Erfahrung, die sich naturwissenschaftlichen und theologischen Begründungen entzieht. Vielleicht stehen wir nach dem 26. Dezember 2004 vor einer neuen Wende im Gottesbegriff und einer zweiten Säkularisierung, in dem „der menschliche Gottesglaube“ vom Gang der Naturgesetze getrennt wird, ohne jedoch den von Menschen mühsam erkämpften Zugang zum Höchsten Wesen zuzuschütten. Wie dies gelingen soll, ist selbst ein Problem. Wenn man nach einem allgemeingültigen Rezept sucht, wird man unvermeidlich mit neuen Widersprüchen konfrontiert werden. Die Lösung des Problems soll nur dem mündigen und aufgeklärten Individuum selbst überlassen bleiben. Es ist auch besser, wenn diese Problematik offen bleibt. Wird diese kreative Suche beendet, so endet damit auch die schöpferische und sinnspendende Suche des Menschen nach Entwicklung und Selbstentfaltung.
Hans Jonas inspirierte mich mit seinem Vortrag „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ zu diesen Gedanken. Auch mit seinem Schlußwort möchte ich meine unvollendeten Überlegungen abschließen:

Meine Damen und Herren! All dies ist Gestammel. Selbst die Worte der großen Seher und Beter, der Propheten und Psalmisten … waren ein Stammeln vor dem ewigen Geheimnis… Von meinem armen Wort … kann ich nur hoffen, daß es nicht ganz ausgeschlossen sei von dem, was Goethe im ‹Vermächtnis altpersischen Glaubens› in die Worte fasste:
‹und was nur am Lob des Höchsten stammelt,
Ist in Kreis´ um Kreise dort versammelt.›
 
Hadi Resasade


Textfeld: Liebe Leserinnen und Leser,
diese Ausgabe von „Barge Sabz“ widmet sich fast ausschließlich dem Thema Gewalt und Religion.
Leider beschäftigt dieses Thema seit 5 Jahren uns alle fast täglich. 
Wir wollen nicht Angst und Unsicherheit schüren, aber der Autor hat als ein Muslim den Eindruck, daß dieses Thema uns noch lange beschäftigen wird, wenn die wirklichen Wurzeln nicht ausgetrocknet werden. Die wirkliche Ursache der islamischmotivierten Gewalt ist nicht der Glaube an einen radikalen Islam, sondern ungelöste reale politisch-ökonomische Probleme. Der Glaube dient als Legitimation und Motivation, und wenn passende Verse im Koran nicht gegeben hätte, hätte man sie erfunden. 
Das Neue Testament ruft an keiner Stelle zur Gewalt auf, dennoch geschahen im Namen des Christentums Kreuzzüge, Judenmord und 30 Jahre Krieg unter den Christen selbst.
Mit dem Beitrag „Gewalt und Religionen“ (Seite 7 und 8) will der Verfasser einen Schritt in Richtung Dialog und Verständigung unternehmen und Vorurteile abbauen, ohne Religionen gegeneinander ausspielen zu wollen. 
Juden und Christen mögen unbeabsichtigte Fehlinterpretationen ihrer Religion durch  einen unqualifizierten Muslim mit Nachsicht begegnen.

Bibel und Gewalt
Zu meiner Studienzeit galt es unter Intellektuellen   nach der Maxime „Basis bestimmt den Überbau“  als „reaktionär“ und „kleinbürgerlich“, wenn man „Ideen“ und „Religionen“ als „Ursache“ für gesellschaftlich-ökonomische und politische Veränderungen ansah. Extreme Positionen sind beliebt und einfach: heute werden umgekehrt  „Gottesbilder“ als eine der wichtigsten Ursachen des politischen Handelns  angesehen. Die schief gelaufene Terrorismus-Debatte über „islamischen Terrorismus“ ist ein aktuelles Beispiel. Es wird kaum darüber debattiert, welche weltpolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre die islamisch motivierte Gewalt gefördert haben. Es ist eben bequemer den Islamismus als Sündenbock anzuprangern, statt mit der unangenehmen Wahrheit über die zum Himmel schreiende globale Ungerechtigkeit beschäftigt zu werden. 
Daß Haß und Gewalt aus dem Wesen des Islam hervorgehe, beherrscht leider nicht nur die Stammtische, sondern  auch von Kirchenführern geäußert. Kardinal Lehmann, der in einem SPIEGEL Interview an einer Stelle sagt: „Religionen sind nicht per se gewalttätig“, sagt  einige Zeilen tiefer über das Verhältnis zwischen Islam und Gewalt: „ Für mich ist eine entscheidende Frage, die an die Wurzel des Islam geht: Wie weit ist dessen Gottesbild mit Kategorien der Gewalt verbunden? Mohammed ist ein Krieger und ein Sieger. Das christliche Kreuz ist im Islam ein Zeichen des Verlierers: Mit einem Gott, der leidet und gar stirbt, können die Muslime nichts anfangen." Mit solchen doppeldeutigen Sätzen läßt sich kein gleichberechtigter Dialog der Religionen führen. 
Das gemeinsame Menschenbild
In Wirklichkeit haben alle drei abrahamitischen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum und Islam)  ihren Büchern nach ein gemeinsames Gottesbild, das aus der Schöpfungsgeschichte hervorgeht: 
Gott schuf den Menschen als sein Abbild und gab ihm das Paradies als Heimat, die größte Verehrung unter allen Geschöpfen.
Der Mensch wurde aber abtrünnig und aus Paradies vertreiben. Dies ist die Geburtsstunde der Freiheit und Erkenntnis zwischen dem „Bösen“ und „Guten“
Was danach geschieht, ist die ständige Arbeit Gottes durch Strafe und Belohnung, sein Geschöpf ins Paradies zurückbringen, ohne ihm den freien Willen zu nehmen.
Strafe und Belohnung sind feste Bestandteile aller dieser drei Gesetzesreligionen. Wie aber die Strafe und Belohnung durchgeführt und gestaltet werden, war immer abhängig vom jeweiligen Stand der menschlichen Entwicklung, und dies wird auch in Zukunft so blieben. 
Fest steht aber das Grundprinzip, daß  Strafe und Gewalt in diesen drei Religionen keinen Selbstzweck bilden, sondern das Instrument eines gerechten Gottes sind, der wie ein besorgter Vater das verlorengegangene Kind zum richtigen Wege führen will. Am Ende finden die „Guten“ den Weg zurück ins Paradies und die Unbelehrbaren landen ins Höllenfeuer! Davon machen alle drei Religionen keinen Abstrich.  
Wie aber die Bestrafung (durch Gott selbst, oder durch Menschen in seinem Auftrag) aussieht, ist in der Religionsgeschichte einem Wandel unterworfen, der eng mit der allgemeinen Menschheitsgeschichte zusammenhängt. Religiöse Strafen und damit göttlich legitimierte Gewaltanwendung gegen die „Bösen“ erfolgten durch Menschen und Institutionen, die sich als Statthalter Gottes verstanden. 
Abrahamitische Religionen glauben an Offenbarung.  Was ist aber der feste Bestandteil der Offenbarung, und was ist veränderbar? Diese ist eine der schwierigsten Fragen der Theologie. Ich sehe die Religion als eine private individuelle Sache und darf  die Frage auch ohne Erlaubnis der Theologie beantworten: Der Kern der Offenbarung ist der GLAUBE an das HEILIGE in der Welt. In diesem „heilige“ stecken Transzendenz, Hoffung, Geborgenheit, und ein unbeschreibbarer Glaube daran, von einem höheren Wesen beschützt zu werden. Wichtig dabei ist, daß es sich hierbei um Glauben handelt und aus dem Herzen kommt. Wissenschaftliche Beweisführungen für die Existenz des „Heiligen“ schlugen alle fehl. Ich weiß nicht von wem dieser Satz stammt: „Gott ist die Personifizierung des Unvollstellaren.“ Wer sich einen Gott „vorstellt“, hat diesen Gott selbst nach seinem Abbild geschaffen. Dieser  „Kern der Offenbarung“ (Glaube an das Heilige) wurde als Offenbarung herabgesandt und landete in die Hände von Menschen, Propheten, Theologen, Politiker, Krieger und Friedensstifter. Jeder von ihnen formte und gestaltete nach gegebenen Notwendigkeiten die Masse zu einer Figur und einem Gottesbild. 
Die Heiligen Schriften geben dieses Bild am deutlichsten wieder:

Judentum und Gewalt
Mit Sicherheit enthält keine andere Religion so viele Gebote und Verbote und folglich auch Sanktionen und Strafen, wie das Judentum. Viele diese Strafen sind aus heutiger Sicht unangemessen und unverständlich. Noch auffälliger  ist das Prinzip der Kollektivschuld im Alten Testament. Jahwe macht mit seiner Strafandrohung zwischen Schuldigen und Unschuldigen, Menschen und Tieren keine Ausnahme macht. Er hat sehr menschliche Züge (Zorn, Reche, Reue) und kann auch traurig sein. Jahwe kann niemals verzeihen, wenn Menschen einen anderen Gott anbeten. Wenn die Bürger einer Stadt dazu verführt werden sollten,  erhält Moses die Anweisung: „Dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen, du sollst an der Stadt und all dem, was darin lebt, auch am Vieh, mit scharfem Schwert die Vernichtungsweihe vollstrecken… Für immer soll sie ein Schutthügel bleiben und nie wieder aufgebaut werden.“ (Dtn: 13, 16-17).
An anderer Stelle greift der Zorn des Herrn die ganze Menschheit:
„Der Herr sah, daß auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm... Der Herr sagte: Ich will den Menschen  vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben." (Ex: 6, 5-7)
Die „Kollektivbestrafung“ von schuldigen und unbeteiligten Geschöpfen findet sich häufig an verschiedenen Stellen des Alten Testaments. Moses kämpfte hart gegen alle Medianiter mit seiner Armee: „Sie zogen gegen Midian zu Feld ... und brachten alle männlichen Personen um .“ (Num: 31,7). Als Moses erfährt, daß die Befehlshaber nicht alle getötet haben, geriet er in Zorn: „… Warum habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? gerade sie ...haben die Israeliten dazu verführt, vom Herrn abzufallen…  Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die einen Mann schon erkannt und mit einem Mann geschlafen haben.“ (Num: 31,15-17). 
Nach dem damals geltenden Prinzip der Sippenhaft werden nachkommende Generationen für die Missetat der Väter verantwortlich gemacht: Jahwe „verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“  (Ex: 34, 7) Dieses „Gerechtigkeitsprinzip“ ist nach dem damaligen Verständnis möglich, obwohl Jahwe „ein barmherziger und gnädiger Gott“ ist (Ex, 34, 6). 
Die Bücher von Moses kennen kaum ein Jüngstes Gericht. Strafen und Belohnungen finden sofort und in dieser Welt statt. Eine Frist wird nicht gewährt.  Dies ist eine positive Entwicklung, die im Christentum und Islam ausgereift wird. In diesen Religionen werden die Strafe von vielen Sünden zu „Gottessache“ gemacht und bis zum Jüngsten Gericht vertragt.  
Christentum: wie sich Gnade in Gewalt verwandelt
Jesus bietet in seiner Person und Lehre das direkte Gegenbild des zornigen alttestamentarischen Gottes. Es gibt kaum eine Seite im Neuen Testament, in dem nicht von Gnade, Vergebung und Liebe zu Mitmenschen gesprochen wird. Nicht nur seine Lehre, sondern auch seine Person bildet unter allen  monotheistischen Religionsstifter eine einzigartige Ausnahme. Seine Geburt, seine Wundertaten, seine Kreuzigung und Wiederauferstehung  bleiben für immer einmalig und außergewöhnlich.
Jesus versteht sich als Messias, Heiler, Mahner und Retter ohne Anspruch auf irdischen Erfolg. Er richtet sich gegen die Heuchelei der „Gesetzestreuen“, die heimlich Wein trinken und öffentlich das Wasser predigen. 
Seine Sätze in seinem „Prozeß“ vor Pilatus besagten alles über seine Personen und sein Ziel: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.“ (Joh: 18,36) Diese Sätze besagen alles über den Unterschied von Jesus zu Moses und Mohammad.
Auch Jesus verfolgt das gleiche Ziel aller drei arahamitischen Religionen, aber mit anderen Mitteln. Auch er ist von Gott beauftragt, die verlorenen Schafe auf den rechten Weg zu bringen. Er tut dies aber nicht durch Gewaltanwendung.
Dennoch kann sich auch das Christentum nicht vom generellen Prinzip der Strafe und Belohnung freisprechen. Die Haltung Jesu zu „Gesetzen“ ist zweideutig, und man hat den Eindruck, daß entsprechende Äußerungen zu unterschiedlichen Zeiten und Situationen gefallen sind. Einerseits heißt es „Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als das der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt.“  (Lk: 16, 17). Andererseits sagt er: „Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für sie, die euch verfolgen…“ (Mt: 5, 43-44) 
Es gibt einige Stellen im Neuen Testament, die vom Geist der Bergpredigt abweichen. Der Verfasser hat als einer, der die christliche Theologie und die Bibelexegese nicht kennt, hat einfacher starken Zweifel, ob diese wirklich von Jesus stammen. Muslime müssen an Jesus glauben, und deshalb ist es Tradition, daß in Zweifelsfällen man lieber von „Textänderungen“ ausgeht, zumal die Evangelien nur „Erinnerungen“ an Worte Jesu enthalten, die teilweise 70 Jahre nach seiner Kreuzigung geschrieben wurden. 
Was z.B. Jesus als missionarische Verhaltensregel seinen Schülern auf den Weg gibt, widerspricht der Feindesliebe: „Wenn man euch aber in einem Haus oder einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen. Amen, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorrha wird es am Tage des Gerichts nicht so schlimm ergehen, wie dieser Stadt." (Mt: 10, 14-15)
Was mit diesen beiden altbiblischen Städten geschah ist bekannt. Wegen Sündenheftigkeit wurden alle Bewohner von der Erdoberfläche getilgt. (Genesis 18 und 19) 
Was Jesus an einer anderen Stelle zu Pharisäern und falschen Schriftgelehrten sagt, paßt auch nicht zu seiner friedlichen Persönlichkeit:  "Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?" (Mt: 23, 33) 
Ein Mensch, der am Kreuz für seine Feinde betet, kann nicht ihnen  „Feuer und Qual“ wünschen: "Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“ (Joh: 15, 6) .  Zu seinen Jüngern sagt er “Geht hin in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen läßt wird gerettet, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ (Mk, 16,16)
Kann man sich vorstellen, daß so ein friedfertiger Mensch seine Gegner als „Unkraut“ bezeichnet? Nach Mathäus-Evangelium werden  nach dem Worten Jesu die Engel  „sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen . Dann werden die gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt: 13, 42-43) 
Die göttliche Bestrafung des „Bösen“ kommt noch deutlicher in der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck: Jesus und seine Anhänger kommen nach dem Jüngsten Gericht ins Paradies, der Teufel und seine Anhänger werden ausgerottet: "Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein." (Offenbarung: 21, 8) Diese werden etwas später mit "Hunden" gleichgesetzt. (Offb: 22, 15)
Paulus zeigt schon in der Urgemeinde keine Toleranz gegenüber Ungläubigen: So sagt er in seinem Brief an Titus (Bischof der Insel Kreta) : „… es gibt viele Ungehorsame, Schwätzer und Schwindler … Diese Menschen muß man zum Schweigen bringen… Alle Kreter sind Lügner und faule Bäuche, gefährliche Tiere… Darum weise sie streng zurecht, damit ihr Glaube wieder gesund wird.“ (Tit: 1, 10-14). Paulus warnt seine Brüder vor falschen Lehrern: „Gebt acht auf diese Hunde, gebt acht auf die falschen Lehrer, gebt acht auf die Verschnittenen.“ Mit „Verschnittenen“ sind die Juden gemeint (Beschneidung).  (Phil: 3,  2) Über diese Juden heißt es pauschal in seinem 1. Brief an Thessalonicher: „Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie mißfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.“ (1 Thess: 2,15)
Es gab in der Geschichte des Christentums immer wieder Mächte, die aus der „Masse der Offenbarung“ nach jeweiligen Notwendigkeiten Gewaltfiguren bastelten. Obwohl Jesus nie zur Gewalt aufrief, blieb aber das Prinzip der göttlichen Bestrafung bestehen. Es genügte nur, wenn Päpste und Krieger sich ale Stellvertreter verstanden. In diesem Punkt unterscheiden sich Religionen kaum von einander. So konnten im Namen des Christentums Inquisitionsprozesse, Kreuzzüge und andere Unmenschlichkeiten geschehen. Schon der Kirchenvater Augustinus legitimierte die Gewalt zur Bekehrung von Ungläubigen. Die christlichen Kreuzfahrer wateten auf ihren Weg zum "Heiligen Land" durch ein Meer von Blut der von ihnen erschlagenen Juden und Muslime. 
Über Jahrhunderte herrschte in Europa das Dogma, das Christentum sei die einzige Religion überhaupt, und es dauerte Jahrhunderte bis Vatikan auch Nichtkatholiken als Christen anerkannte. 
Sogar der große Reformator Martin Luther schreibt im "Großem Katechismus: "was außer der Christenheit ist, es seien Heiden, Türken, Juden oder falsche Christen ... in ewigem Zorn und Verdammnis bleiben". 
Die Anerkennung des Islam als eine Religion geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Dafür wurde aber die meiste Arbeit von Aufklärern  geleistet (Lessing: Nathan der Waise). Die Kirche paßte sich dieser Entwicklung nur allmählich an.
Die aufgeklärten christlichen von heute Gelehrten gehen mit gewaltversherrlichen Stellen der Bibel sehr behutsam um und unterscheiden mit „historisch-kritischer Methode“ zwischen dem Kern der christlichen Verkündung (Bergpredigt) und zeitlich bedingten Bemerkungen. Dieser Umgang mit dem Koran steckt aber noch in Kinderschuhen.

Todesstrafe und Steinigung im Alten Testament
Heute gehört es zu Selbstverständlichkeiten durch „Koranzitate“ den Islam mit Mord, Gewalt, Steinigung und Grausamkeiten in Verbindung zu bringen. In der Tat werden die grausamen Strafen im Koran auf ein Mindestmaß reduziert (s. Islam und Gewalt). Wenn im folgenden Gewaltbeispiele aus der Bibel zitiert werden, so geschieht dies mit dem Ziel zu zeigen, was das Judentum und Christentum überwunden haben. Diese Strafen und Gewaltaufforderungen geben nur den Entwicklungsstand der Menschheit zur Entstehungszeit dieser Religionen wieder.
Fluch Gottes: "Führe den Flucher hinaus vor das Lager … und laß die ganze Gemeinde ihn steinigen." [Lev: 24,14] 
Erschütterung des Glaubens: „Man soll ihn zu Tode steinigen, denn er hat dich abbringen wollen von dem HERRN, deinem Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat.“ [Dtn:13,11]
Tod den Sonnenanbetern: „... so sollst du den Mann oder die Frau, die eine solche Übeltat begangen haben, hinausführen zu deinem Tor und sollst sie zu Tode steinigen. [Dtn:17,5] 
Geschlechtsverkehr mit Tieren: Wer einem Vieh beiwohnt, der soll des Todes sterben. [Ex: 22,18] .Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben, so sollst du sie töten und das Tier [Lev:20,16] auch 20,15] 
Ehebruch: Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat [Lev: :20, 10] 
Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau: „so sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.“ (Lev: 20, 18]
Verbrennung der Tochter eines Priesters wegen Hurerei: „Wenn sich die Tochter eines Priesters als Dirne entweiht … sie soll im Feuer verbrant werden.“ [Lev:21,9] 
Bestrafung einer Frau, die sich in der Hochzeitsnacht nicht als Jungfrau erweist: „... so soll man sie heraus vor die Tür des Hauses ihres Vaters führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen, weil sie eine Schandtat in Israel begangen und in ihres Vaters Hause Hurerei getrieben hat… Dtn: 22, 21“ 
Wenn eine Jungfrau in der Stadt vergewaltigt wird, aber nicht schreit, soll gesteinigt werden.  „... so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, daß sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrieen hat, obwohl sie doch in der Stadt war, [Dtn: 22,24] 
Fluch oder Schlagen der Eltern wird mit Tode bestraft: Lev: 20,9] / Ex: 21,17 / Lev: 20,9 / Ex: 21,15
Zauberei: Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen. [Ex: 22,17] 
Textfeld:  Islam und Gewalt

Die Schöpfungsgeschichte ist auch der Ausgangspunkt des Islam: Am Anfang war Friedfertigkeit und Gewaltverzicht.  Der erste  und Mord der Geschichte geschieht gegen einen friedlichen Menschen (Abel), der zu seinem böswilligen Bruder (Kain) sagt: "Wenn Du auch deine Hand gegen mich ausstreckst, um mich zu erschlagen, so werde ich nicht meine Hand gegen dich ausstrecken, um dich zu erschlagen. Ich fürchte Allah, den Herrn der Welten." (5: 29)  Und genau in diesem Zusammenhang lesen wir den berühmten Vers, der als Richtschnur für die gesamte Menschheit gelten soll: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, daß wenn einer jemanden tötet, nicht (aus Rache) für jemanden oder (zur Strafe für Unheil) auf der Erde, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte. Und wenn einer jemanden am Leben erhält, soll es so sein, ob er die Menschheit alle am Leben erhalten hätte.“ (5: 32). Ziel der Schöpfung ist das Leben und nicht der Tod. Kain wird sich seinem Verbrechen bewußt und bleibt unbestraft. Der Koran läßt sich nicht mit dem Neuen Testament. Vielmehr sollte man den Islam als Fortsetzung der Tradition des Alten Testaments verstehen. So lassen sich auch interessante Vergleiche hinsichtlich der Frage von „Gewalt“ und „Strafe“ ziehen. Was die Frage der Anerkennung anderer Religionen angeht, so ist der Vergleich mit dem Neuen Testament auch von Bedeutung.
Islam ist nicht die einzig wahre Religion
Koran ist  im Vergleich zu Bibel, das einzige Buch, in dem auch andere Religionen anerkannt werden. Islam sieht sich als die vollkommenste Religion: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist“ heißt es im Koran (3: 110), dennoch werden die Muslime nicht als „auserwähltes Volk“ angesehen; dieses Privileg gilt eingeschränkt: „Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott. Wenn die Leute der Schrift (ebenfalls) glauben würden (wie ihr), wäre besser für sie.“ (ebda) Daraus ergibt sich nicht Bekehrung zum Islam, sondern die Suche nach einer Gemeinsamkeit. Und damit die Muslime es richtig begreifen und nicht hochmutig werden, heißt es drei Verse später über die nichtislamischen Schriftvölker: „Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine Gemeinschaft, die (andächtig im Gebet) steht, die zu (gewissen) Zeiten der Nacht die Verse Gottes verlesen und sich dabei niederwerfen. Sie und wetteifern  (im Streben) nach guten Dingen. Die gehören zu den Rechtschaffenen. Für das, was sie an Gutem tun, werden sie nicht Undank ernten. Und Gott weiß Bescheid über die, die ihn fürchten.“ (3: 114-116). Mit dem letzten Satz wird den Muslimen die Möglichkeit aus der Hand genommen, über andere Völker eigenhändigen zu urteilen. An anderer Stelle werden die "Völker der Schrift“ aufgefordert, die gemeinsame Basis zu suchen:  "Sag: Ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen uns und euch! (einigen wir uns darauf) daß wir Gott allein dienen und ihm nichts (als Teilhaber) an seiner Göttlichkeit beigesellen, und daß wir uns nicht untereinander an Gottes Statt zu Herren nehmen. Wenn sie sich aber abwenden, dann sagt: „Bezeugt, daß wir (Gott) ergeben sind.“ (3: 65).  Der Koran nimmt Jesus gegen Juden, die damit prahlten, ihn getötet zu haben in Schutz. Und während für Mohammad ein normaler Tod vorausgesagt wird, spricht Koran nicht vom Tod Jesu. Vielmehr habe Gott ihn zu sich gerufen: „ ".Sie haben nicht mit Gewißheit getötet. Nein, Gott hat ihn zu sich (in den Himmel) erhoben." (4: 157-158)
Eine solche Einstellung gegenüber Andersdenkenden ist keine Selbstverständlichkeiten, wenn man bedenkt, daß  die offizielle  Kirche Jahrhunderte lang  den Islam nur als eine „irregeleitete Sekte“ bezeichnete, die den Namen einer Religion nicht verdient
Ein Gott für alle Menschen
Das Gottesbild des Islam ist universell. Allah ist weder Gott eines bestimmten Volkes (wie Jahwe bei Juden), noch bekommt er islamspezifische Besonderheiten (Vater, Sohn, Heiliger Geist bei Christen). Mohammad bleibt ein normaler Mensch ohne göttliche Züge. Allah ist Schöpfer aller gläubigen und ungläubigen Menschen. Der Kampf von Göttern nimmt spätestens im Islam ein friedliches Ende.  Allah versteht sich als Gott der Israeliten, Christen und Muslimen.  Koran beginnt mit dem Vers: „Aller Preis gehört Allah, dem Herrn der Welten.“ (1,1) und endet mit der Aufforderung: "Sprich: ich nehme meine Zuflucht beim Herrn der Menschen." (114,1) Gerade diese Universalität gab den Islam die Stoßkraft von fremden Völkern akzeptiert werde, den sie hatten nicht das Gefühl einen „arabischen Gott“ anzubeten. 
Verantwortung des Einzelnen statt Kollektivschuld
Je  reifer und aufgeklärter der Mensch in seiner geschichtlichen Entwicklung wurde, desto mehr zog sich  in der Religionsgeschichte Gott als „allmächtiger Scharfrichter“ zurück. Die menschliche Emanzipationsgeschichte spiegelt sich in Heiligen Büchern wieder: Das alttestamentarische Prinzip der Kollektivschuld, das auch ansatzweise in das Neue Testament wiederzufinden ist, wird im Koran durch „individuelle Verantwortung“ ersetzt. Jeder Mensch haftet für seine eigenen Taten; und er wird nicht  wegen der Schuld seiner Großeltern zur Rechenschaft gezogen. Bestraft werden nur strafmündige Menschen, aber nicht ganze Völker. Kämpfe und Gewalthandlungen finden zwischen Soldaten statt. Vernichtung und Verbrennung ganzer Städte samt Bevölkerung, Frauen, Kinder und Viehbestand kommt nicht vor.
Mohammad wird wiederholt aufgefordert, integrationsunwillige Ungläubige in Ruhe zu lassen.  „Ermahne sie, denn Du bist ein nur ein Ermahner. Du bist kein Wächter über sie“ (88: 21-22)
Gott habe dem Menschen Augen und Ohren gegeben, um zu unterscheiden. Darum kann man ihm keinen Glauben aufzwingen: „Es gibt keinen Glaubenszwang, denn wahrlich ist nun  Wahrheit von Irrtum unterscheidbar…“ (2: 257) Der Mensch ist selbst verantwortlich, welchen Weg er einschlägt: „Haben wir ihm nicht zwei Augen gegeben. Und eine Zunge und zwei Lippen? * Dann haben wir ihm die beiden Hauptwege (zum Guten und Bösen) gezeigt …“ (90: 9-11) Was den Verzicht auf weltliche Strafen angeht,  übernimmt der Koran die Tradition des Neuen Testaments: Die weltliche Bestrafung wegen vieler „Sünden“ findet nicht gleich in dieser Welt (Altes Testament) statt, sonder wird zu  Angelegenheit Gottes gemacht und auf unabsehbare Zeit vertagt. Es verwundert den Koranleser,, daß dieses Buch im Gegensatz zum Alten Testament für Verstöße gegen Fasten, Kleidervorschriften, Trinken und Essen von verbotenen Sachen (z. B. Alkoholkonsum und Essen von Schweinefleisch), Beschneidung, und viele andere „privaten“ Sünden keine weltlichen Strafen vorsieht. 
Ein Mindestmaß für die  Todesstrafe
Die zahlreichen „Todessünden“ der Bibel (Altes Testament)  werden im Koran  auf zwei  Delikte nämlich Mord und „schweren Landfriedensbruch“ فساد فی الرضreduziert. Todesstrafe für zwei anderen oft zitierten Delikte (Ehebruch und Abfall vom Glauben) kommt im Koran nicht vor. Diese wurden später aus „Hadith“ (Überlieferungen) abgeleitet. 
Das Wort Steinigung als Strafmethode kommt kein einziges Mal im Koran vor. Es ist der Teufel, der immer wieder als „gesteinigt“ رجیم bezeichnet wird. Ehebruch wird mit 100 Peitschenhieben geahndet (24: 2-3) Allerdings wird in Shariat die Beweisführung so streng gehalten, dass sie fast unmöglich erscheint: vier glaubwürdige Zeugen müssen "die Vereinigung der Geschlechtsorgane" mit eigenen Augen beobachtet haben, oder müssen die „Täter“ an mehreren Tagen freiwillig ein Geständnis wiederholen. Nach Meinung mancher islamischen Gelehrten haben jüdischen Neumuslime in der islamischen Urgemeinde durch zweifelhafte Überlieferungen die „Steinigung“ aus der Thora in die islamische Tradition übertragen. Daß die "Steinigung" für Unzucht nicht auf Koran zurückgehen kann, wird von Kommentatoren mit Hinweis auf eine Koranstelle begründet, in der die Bestrafung von Sklavinnen wegen benannt: "... sie sollen die Hälfte der Strafe erleiden, die für freie Frauen vorgeschrieben ist." (4: 26). Bekanntlich kann man eine "halbe" Todesstrafe nicht vollstrecken!
Die Bestrafung wegen Glaubenswechsels wird zu Gottessache gemacht; In den oft zitierten Versen 86 bis 91 der Sure 3 wird ausführlich über verschiedene Formen der Apostasie gesprochen, aber ihre Bestrafung wird auf das jüngste Gericht vertagt: Sie erleben „Fluch Gottes und der Engel und der Menschen“ ….  Und „eine schmerzhafte Strafe haben sie zu erwarten.“ Die Tötung der Apostaten geht auf eine Überlieferung bei Buchari zurück und hat keine koranische Grundlage. Es muß auch berücksichtigt werden, daß damals Apostasie mit Kampferklärung gegen die islamische Gemeinde und Überlaufen zum Feind gleichgesetzt wurde. 
Auf Mord  steht die Todesstrafe. Diese Strafe trifft jedoch nur den Täter selbst, nicht seine Familie, seine Sippe oder seinen Stamm. Die Angehörigen des Ermordeten dürfen von ihrem strikten Recht ablassen und Blutgeld verlangen (2:178). Der Richter oder die Regierung können in diesem Fall den Angehörigen ihre Entscheidung nicht vorschreiben. 
Die willkürliche Tötung (ohne Selbstverteidigung oder Wiederherstellung der Gerechtigkeit) wird im Koran verurteilt. Selbstmord ist  verboten. (2: 196) 
"Tötet sie, wo ihr sie findet!" 
Schweres Kopfzerbrechen (auch den aufgeklärten Muslimen) breiten zahlreiche Koranstellen, in denen Härte gegen „Feinde des Islam“ gepredigt werden. Gerade in den letzten Jahren werden diese Verse mit Vorliebe von Kritikern zitiert und zum zentralen Dreh– und Angelpunkt der Beurteilung der Gewalt im Islam erhoben. Nicht selten wird der Unterschied zwischen Christentum und Islam auf zwei Gebote reduziert: hier „liebet eure Feinde!“ und dort „tötet sie, wo ihr sie findet!“ Das Hauptproblem liegt im Vergleich zwischen zwei Religionen, die von ihrer Entstehung her miteinander nicht vergleichbar sind. Es wäre so, als wollte man Buddha und Mao Tse Tung  miteinander in Beziehung setzen! Jesus verstand sind als Messias und hatte nie den Anspruch ein neues System zu gründet. (John:18,36) Er war ein Wanderprediger, der höchstens drei Jahre seine Lehre verkündete.
Mohammad erduldete 13 Jahre in Mekka Verfolgung, Verachtung und Beschimpfung seiner Gegner. Er wollte aber kein Märtyrer sein, und wanderte nach Medina aus. Dort hatte er nichts anderes im Sinn, als die Gründung eines alternativen Gesellschaftssystems. Von seiner religiösen Mission einmal abgesehen, vollzog sich zur damaligen Zeit ein revolutionärer Prozeß der Staatenbildung. Aus zersplitterten arabischen Stämmen mit zahlreichen Göttern und Götzen wurde ein einheitliches Volk, das sich als dritte Kraft neben Byzanz und Persien behauptete. Daß ein solcher Prozeß mit Gewalt und einhergeht, ist nicht eine Besonderheit des Islam.  Von den 23 Jahren der Verkündung verging etwa 1/3 der Zeit mit kriegerischen Auseinandersetzung. Es scheint, daß es Muslimen anfänglich nicht gestattet war, zur Waffe greifen.  Die Erlaubnis gegen die Unterdrückung mit Waffe vorzugehen, ist wohl als „ultima ratio“  erteilt worden. „Erlaubnis ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah …, die unberechtigterweise aus ihren Häusern vertrieben wurden ... “  (22: 39,40) Eine Erlaubnis wird ja erteilt, wenn es sie vorher nicht gegeben hat. Alle gewaltsamen Handlungen dieser 8 Jahre zwischen Muslimen und deren Gegnern schlugen sich im Koran nieder. Friedliche Muslime sollen nicht mit aller Kraft versuchen, diese Gewaltanwendungen als „Verteidigung“ zu rechtfertigen. Die Feldzüge der Muslime nach dem Tode Mohammads gegen Persien und Palästina waren gewiß keine Verteidigungskriege.
Es stellt sich aber die entscheidende Frage, ob die Aufforderungen zur Gewalt im Koran für die damaligen konkreten Situationen bestimmt waren, oder auf alle Zeiten angewandt werden können. Wer sind heute z.B. „Götzendiener“, „Ungläubige“ oder „Heuchler“? Im Koran gibt es auch eine Reihe von Vorschriften zur Behandlung von Sklaven, aber Sklaven in damaliger Form gibt es heute nicht mehr; genauso findet man heute auch die im Neuen Testament oft genannten „Pharisäer“ nicht als eine gesellschaftliche Gruppe.
Aristoteles hatte die Sklaverei damit gerechtfertigt, daß manche Menschen zum Dienen und andere zum Herrschen geboren werden. Kein Philosoph kommt heute auf die Idee dieses Prinzip als untrennbaren Bestandteil der aristotelischen Philosophie zu verstehen. Das gleiche gilt auch für die Heiligen Schriften. Sie sind „Wort Gottes“, aber gesprochen in menschlicher Sprache unter „bestimmten Bedingungen“. 
Die meisten muslimischen Theologen beurteilen die kriegerischen Verse des Koran nur in ihrem historischen Kontext. „Anlässe der Offenbarung“ (اسباب النزول) gehört seit Jahrhunderten zu den Grundinstrumenten der islamischen Koranexegeten.  Eine der von Islamkritikern oft zitierte Stelle ist z.B. Vers 192 der Sure 2: "Und tötet sie, wo ihr immer auf sie stößt ….“  Wenn man sich von Urteilen islamischer Fundamentalisten und festgefahrenen Ansichten mancher Islamkritiker freimacht, sieht man den wirklichen „Anlaß der Offenbarung“ dieses Verses im Zusammenhang mit einem einmaligen historischen Ereignis: 
Am 13. März 628 beschloß Mohammad nach einem Traum zum ersten Mal nach 6 Jahren von Medina nach Mekka zu pilgern. Die Mekkanischen Götzendiener behinderten in Hodeibieh حدیبیه die Muslimen an der Weiterfahrt. Es kam zu zähen Verhandlungen mit dem Ergebnis, die Muslime dürfen ein Jahr später nach Mekka pilgern; und es wird ein zehnjähriger Frieden beschlossen. Im März 629 fand vertragsgemäß die Pilgerfahrt statt. Muslime sollten nur mit leichten Waffen reisen, drei Tage in Mekka weilen und sich die Gegner sich in die Umgebung der Heiligen Moschee zurückziehen. Agenten brachten aber vor der Pilgerfahrt die Nachricht,  die „Ungläubigen von Mekka“ hätten geplant, die Muslime in der Heiligen Moschee anzugreifen. Es herrschte unter Muslimen und Götzendienern der Konsens, daß Kampfhandlungen in der Heiligen Moschee verboten sind. In dieser Situation wurde dieser Vers offenbart: 
"Und tötet sie, wo ihr immer auf sie stößt, und vertreibt sie von dort, wo sie euch vertrieben. Bekämpft sie aber nicht bei der Heiligen Moschee, solange sie euch dort nicht angreifen. Doch wenn sie euch angreifen, dann kämpft wider sie; das ist die Vergeltung für Ungläubigen. Wenn sie jedoch Ablassen, dann ist Allah allvergebend, barmherzig." (Sure 2, 192)
Muslime haben in den darauf folgenden Jahrhunderten diesen und zahlreiche ähnliche Verse nie als eine generelle Aufforderung für den Kampf gegen Nichtmuslime verstanden. Jahrzehnte lang waren islamische Länder direkte Kolonien der europäischen Christen. Muslime erduldeten Demütigung und Unterdrückung von fremden Eindringlingen, handelten aber nicht nach dem  Gebot  „tötet sie, wo ihr sie findet!“   Es gibt heute eine seltsame Allianz zwischen zwei Gruppen, die an einer universellen Deutung solcher Verse festhalten. Es sind: Islamische Gewalttäter auf der einen Seite und politische Mächte auf der anderen Seite, die ihr Feindbild nicht verlieren wollen. 
Der Westen hat kaum Interesse an einer Stärkung der vernunftorientierten und mäßigen islamischen Kräfte. Wenn fundamentalistische Muslime wegfallen, hat man keine Anlässe mehr für die Durchsetzung einer Hegemonialpolitik. Muslime sollten aber auch in dieser Hinsicht keine Entwicklungshilfe erwarten. Sie selbst müssen für die Reinigung ihres Glaubens und Reformen arbeiten.
Islam, Politik und Gewalt
Heute herrscht im Westen die Meinung, daß Islam und Politik  nicht voneinander zu trennen sind, und daraus zwangsweise eine geeignete Mischung für die Gewalt entsteht. Wer so urteilt, hat sich weder mit der islamischen, noch der christlichen Geschichte gründlich befaßt. Die einmalige und einzigartige Einheit zwischen Politik und Religion gab es nur unter Mohammad selbst. Kurze Zeit nach seinemTod trennten sich die weltliche von der göttlichen Macht. Islamische Kalifen und Sultane einerseits und Muftis und Religionsgelehrte andererseits lebten Jahrhunderte lang in einer friedlichen Koexitstenz  nebeneinander. Sunnitische Muftis und schiitische Ayatollahs duldeten die Sultane und Schahs, wenn sie nicht offensichtlich gegen islamische Vorschriften vorgingen, und die weltlichen Herrscher hatten keinen Grund, die Gelehrten zu provozieren. Auch hatten die Gelehrten selbst kein Interesse an direkter Machtausübung. Unter den Schiiten wurde sogar dieses Desinteresse damit begründet, daß erst der verborgene Imam Mahdi nach seinem Erscheinen berechtigt ist, einen islamischen Staat auszurufen. „Der Gottesstaat“ war eine Erfindung des Christentums, und eine annährend ähnliche Allmacht der  Päpste gab es nie in der islamischen Welt. Das Werk „De civitate Die“ (Über den Gottesstaat) wurde um 420 von Aurelius Augustinus geschrieben und nicht von einem islamischen Theologen. Mohammad vertraute seiner engsten „weltlichen“ Gefolgschaft sein Erbe an und bestimmte bewußt keinen „göttlichen“ Nachfolger. Die vier nach ihm folgenden „Großkalifen“ wurden nach altem arabischen Brauch von  Honoratioren gewählt. Im Christentum verlief der Prozeß umgekehrt: Jesus wollte kein irdisches Reich, aber in seinem Namen wurden Gottesstaaten gebildet!
Die islamischen Gelehrten fanden sich (von Ausnahmen abgesehen) Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Moderne zurecht. Im Iran wäre z.B. die Konstitutionelle Revolution (1906) und eine moderne Verfassung, die Reform des Straf– und Zivilrechtes ohne Zustimmung und Mitwirkung der Ayatollahs undenkbar. Noch heute ist das iranische Zivilgesetzbuch eine Mischung aus französischem und islamischem Recht geblieben. Parlamentarismus, Wahlen, Trennung von Gewalten und moderne Institutionen wurde ohne besonderen Widerstand der islamischen Gelehrten durchgesetzt. Dies alles konnte möglich werden, weil es eine lange Tradition der Trennung zwischen weltlicher und göttlicher Macht gegeben hatte.
Die Islamisierung der Politik und Politisierung des Islam sind ein Phänomen der vergangenen 30 Jahre. Wie es zu dieser Entwicklung kam, hat mehr mit Veränderungen in der Weltpolitik zu tun, als mit einem Wandel des Islam selbst.
Ursachen der Islamisierung und islamischer Gewaltbereitschaft sollen politisch-ökonomisch analysiert werden, und wer es nicht will oder kann, sieht die Gewalt als untrennbaren Bestandteil des Islam: schwarz-weiß-Denken ist immer bequemer, als die Konfrontation mit der unbequemen Wahrheit über die Resultate der schief und ungerecht gelaufenen Politik der Großmächte seit ihrer Kolonialisierungs- und Eroberungsherrschaft. 
Hadi Resasade





Textfeld: Islam und Christentum: 

Wettkampf zweier Kulturen
Islam und Christentum können wie keine anderen Religionen auf eine lange Beziehung zurückblicken, die von Freundschaft, gegenseitiger Bereicherung, aber auch Konflikten  begleitet war. Jede Konfliktsituation hatte ihre Besonderheiten und Ursachen. Auch heute erleben wir eine neue Konfliktsituation. Diese  allein auf den Begriff „Terrorismus“ zu reduzieren, ist oberflächlich, naiv und eine Fehleinschätzung der gefährlichen Lage. Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte bringt uns nähere Kenntnisse:  Schon bald nach Mohammads Tod (632) wurde Europa Zeuge einer ungeheuren politischen Stoßkraft der neuen Religion: fast 1000 Jahre langt dauerte die militärisch-politische Rivalität um die Herrschaft. 
Hier einige Stadien: In der 2. Hälfte des 7. Jhdts eroberte Islam ganz Nordafrika; 711 fiel Spanien; Ende 732 scheiterte der  islamische Vormarsch nach Frankreich. Im 9. Jhdt. fiel Sizilien an die Araber; 983 schlugen sie den römischen Kaiser Otto II. Dann änderte sich die Lage und die Araber wurden aus Teilen Mitteleuropas und Italien vertrieben. In Spanien behielten sie aber Granada bis 1492.
Kreuzzüge waren die Antwort der Europäer (1096-1270), doch wurde Jerusalem 1187 von Salahuddin Ayyubi erobert. Die Eroberung des Zentrums der oströmischen Kirche Konstantinopel (1453), die Belagerung von (1526) durch die Türken und die Eroberung von Budapest (1541) wirkten wie ein Schock.
Was dachte Europa über diese Expansion und welches Bild hatte man von der neuen Religion?  Diese Frage ist für die Beurteilung der heutigen Lage nicht unwichtig. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied   in der Sicht beider Religionen voneinander und ein Grund für die Konflikte bis heute: Der Islam erkannte von Anfang an das Christentum als eine legitime Offebarungsreligion an und sah den Koran als eine Fortsetzung der Bibel. Zwar kritisierte man die herrschende Deutung des Christentums durch die Christen,  denoch wurden Jesus und Maria als unantastbare heilige Persönlichkeiten verehrt.  Dagegen machte sich das Christentum schwer, den Islam als eine Religion und Mohammad als einen seriösen Menschen, geschweige als Propheten anzuerkennen. Etwa 100 Jahre nach dem Tode Mohammads setzte sich das Christentum durch Johannes von Damaskus (675?) mit dem Religionsstifter auseinander. Seine Grundgedanken wurden mit verschiedenen Variationen die Basis für das gesamte mittelalterlich-kirchliche Islamvorstellung. Demnach ist Islam keine  Religion, sondern eine christliche Häresie. Mohammad habe seine Lehre von einem arianischen Mönch bekommen, der ein Apostat und sogar Verfasser des Korans gewesen sei.  Diese mysteriöse Informationsquelle Mohammads habe ihn verzaubert, und Mohammad sei selbst ein Magier gewesen. Außerdem hatte man bis zur ersten Koranübersetzung ins Lateinische (1143), also fast 500 Jahre lang, keine authentische Vorstellung vom Islam. Von einzelnen Theologen (wie Thomas von Aquin, der Muslime nicht als Apostaten, sondern als  "Heiden"“ anerkennt.) abgesehen, waren die Abhandlungen vom Spott, Polemik, Beleidigungen und offener Abneigung geprägt. Die Eroberung  Konstantinopels wirkte wie ein Schock und trieb die Ablehnung und Haß gegen Islam und die Türken auf die Spitze.  Äneas Sylvius Piccolomini (der  spätere Papst Pius II) sagte nach dem Fall von Konstantinopel:  „In der Vergangenheit wurde wir in Asien und Afrika , also in fremden Ländern geschlagen. Jetzt trifft man uns aber in Europa, unserer Heimat, unserem Zuhause…“  Diese Worte könnten auch heute gesagt worden sein.  Der Papst plädierte für einen neuen Kreuzzug, der aber keine Unterstützung fand.  Die Belagerung von Wien durch die Osmanen (1592) verhärtete die Fronten und die antiislamische Polemik wurde noch giftiger. Sogar Martin Luther verfasste mehrere antitürkische Schriften. Luthers Schriften stellen einen Rückschlag in islamisch-christlichen Beziehungen dar. In seiner „Vermahnung zum Gebet wider Türken“ macht Luther aus seiner antiislamischen Haltung keinen Hehl, wenn er vom „Teufelsdreck“ oder vom „lesterlichen Mahmet“ spricht. Luther sieht im Islam nicht mehr nur Heidentum, sondern eine entscheidende antichristliche Macht der Endzeit. (vgl. Lexikon des  Islam: Christentum und Islam, Digitale Bibliothek, Band 47, Seite 298) Erst die europäische Aufklärung ab Mitte des 18.  Jhdts veränderte im Zuge der Religionskritik und Toleranz die Islamvorstellung. Das erste sachlich-wissenschaftliche Buch über den Islam wurde von Hadrian Reland im Jahre 1705 „De religione mohammedica“ geschrieben, das auch noch heute Beachtung findet. Lessings „Nathan der Weise“ im 18. Jhdts. setzt Christentum, Islam und Judentum als gleichberechtigte Religionen auf gleiche Stufe. Die sachliche Forschung wurde im 19. Jhdt. fortgesetzt (Goldziher u.a.) und vertieft.  Diese aufklärerischen Bemühungen fanden aber außerhalb der Kirche statt und hatten kaum Einfluß auf die christliche Theologie und Politik. Europäische Mächte gingen im Zeitalter des Kolonialismus mit der gleichen mittelalterlichen Ignoranz  und Arroganz gegen islamische Gesellschaften vor. Missionare sahen in Muslimen Heiden, die man bekehren sollte. Erst ab den 60er Jahren dieses Jahrhunderts (II. Vatikanisches Konzil) hat sich allmählich auch in der Kirche durchgesetzt, daß der Islam eine eigene Offenbarungsreligion ist. Eine relativ vorurteils- und hassfreie Islamauseinandersetzung ist also sehr jung und fragil und geht mit europäischer Tradition nicht konform.  Es kann nicht wundern, daß sie Rückschläge erlebt, denn das historische Kollektivgedächtnis der Menschen ist für die Aufnahme negativer Bilder bereit.
Auf der anderen Seite hat aber Europa gegenüber den USA einen großen Vorsprung:  Europa hat seine Kämpfe mit dem Islam bis zur Erschöpfung durchgefochten, während  die USA als erfahrungsloser Neuling wieder von Kreuzzügen sprechen.
Diese neue Phase ist die Amerikanisierung des christlich-islamischen Konfliktes. Wir sollen den Ablauf dieses  gefährlichen Konflikts nicht amerikanischen Hardlinern und islamischen Fanatikern überlassen.
Hadi Resasade